Dienstag, 11 Januar 2011 14:37

Harvest Moon

Written by Moi-Même

bewertungskasten_hm_10_ohne_SternHarvest_Moon_G_00034png_thumbEs kommt die Zeit im Leben eines jeden jungen Mannes, da er sich aus der Obhut seines Elternhauses lösen und seinen eigenen Weg beschreiten muss. Das handelsübliche Rollenspiel verstünde unter diesem Weg nun die traditionelle Weltenrettung. Die beschauliche Welt des RPG-Querdenkers Harvest Moon hingegen bedarf keiner Rettung mehr, und dennoch hat unser Protagonist gewaltiges mit ihr vor: Rüben, Kartoffeln, Milch und Mais um genau zu sein. Dieses Review will die "Spreu vom Weizen" trennen und erklären, weshalb Harvest Moon einen besonderen Platz in meinem Herzen hat.

Harvest Moon ist mal wieder so ein Spiel, welches Fans und Feinde in zwei Lager spaltet. Entweder man liebt es oder man hasst es... Fakt aber ist: Das Erfolgsrezept "Bauern-Simulation" hat bis heute über 30 Nachfolger und Spin-Offs hervorgebracht. Irgendetwas muss also dran sein, wenn so ein beknacktes Spiel solch einen Siegeszug feiert. Zu Anschauungszwecken hat sich der erfolgreiche Farmer Billy im Folgenden daher bereiterklärt, Teile seines Tagebuches zur Verfügung zu stellen!

Harvest_Moon_U_00001png_thumbAuszüge aus dem Tagebuch von Billy dem Farmer – 29. Frühling

Lebe nunmehr fast einen Monat auf Vaters alter Farm. Frage mich ernsthaft, weshalb die örtliche Gemeinde nicht zwischen Monat und Jahreszeit unterscheidet. Farm war ziemlich runtergekommen, überall Baumstümpfe und Steine. Habe erst einmal die Zäune erneuert und Rüben gepflanzt. Bekam auch einen Hund geschenkt. Habe ihn Puffy genannt. Puffy ist doof und zu nichts nütze. Leide unter akutem Geldmangel. Gehe daher täglich in den Wald, Weintrauben sammeln. Weintrauben im Frühling... In dieser Gegend bleibt die Zeit übrigens nach Einbruch der Dunkelheit irgendwie stehen. Bewässere dann meine Pflanzen. Finde Tagsüber einfach keine Zeit dafür, wird hier schneller dunkel als ich gucken kann. Händler taucht ausserdem viel zu früh auf. Während der Erntezeit laufe ich den lieben langen Tag zwischen Feld und Sammelbox hin und her. Kann bloss eine Sache zur Zeit tragen. Hab nicht mal einen Rucksack. Beknackt. Sehr eintönig, das Leben hier.

Harvest_Moon_U_00078png_thumbBillys Ersteindruck vom Farmleben wird sich niemals ändern: Vom ersten bis zum letzten Tag bleibt das Gameplay von Harvest Moon konsequent monoton. Besonders zu Beginn des Spieles verfolgen wir – quasi ohne Ausnahme – vom Prinzip her tagein tagaus denselben Ablauf. Feld pflügen, säen, giessen, ernten, verkaufen. Ein wenig Holz hacken gehört ebenfalls zur täglichen Pflicht. Ist die Arbeit getan, geht Billy schlafen und tut am nächsten Tag exakt das gleiche. Die Idee von Harvest Moon lautet schlicht und ergreifend "Routine". Da helfen auch die seltenen Dorffeste nicht drüber hinweg. Kaum hat Billy seinen ersten Profit gemacht, setzt er ihn sogleich zur Erweiterung seiner Felder ein. Das fügt unserem Bauerndasein nicht etwa neue, aufregende Aspekte bei, sondern erhöht schlicht den Arbeitsaufwand, den wir in unsere tägliche Feldarbeit investieren müssen. Hierbei ist stets Eile geboten, denn in Harvest Moon rasen die Tage in absurdem Tempo der Nacht entgegen. Bis fünf Uhr muss die Ernte eingefahren sein. Harvest Moon wird somit zum Spiel gegen die Zeit und Zeit ist ja bekanntlich Geld. Damit ist das erste Ziel - der erste Funke "Sinn" hinter Harvest Moon, wenn man so will - auch schon formuliert: Möglichst viel Geld verdienen.

Harvest_Moon_U_00104png_thumbAuszüge aus dem Tagebuch von Billy dem Farmer – 27. Herbst

Gemüsesaison ist vorbei, war ne scheiß Arbeit. Farm läuft langsam ganz ordentlich, Dörfler sind total heiss auf meine Waren. Irgend so ein merkwürdiger Wichtel kam kürzlich vorbei und hat mein Werkzeug verbessert, Feldarbeit ist nun leichter. Konnte auch mein Haus ausbauen lassen. War sehr teuer, ist jetzt aber viel schöner. Puffy etwas gewachsen, aber immer noch doof. Gras auf Weide ist sehr gut gewachsen. Hab mir deshalb gleich ein paar Hühner geholt, fressen komischerweise ausschließlich Heu. Ein paar Rindviecher hab ich mir auch gegönnt. Hätt' ich mir spannender vorgestellt, Melken macht leider nicht so viel Spass. Naja, immerhin seid Monaten die ersten Euter, die ich in die Finger bekomme. Brauche echt langsam ein richtiges Weib. Habe dafür Mumili geschwängert. Ist schon ziemlich fett, die Kuh. Kalbt wohl bald. Muss jetzt dringend die Weide mähen. Winter kommt, aber Silo ist leer.

Harvest_Moon_U_00252png_thumbEin weiteres der eher nennenswerteren Ziele jedes Harvest Moon-Liebhabers ist höchstwahrscheinlich, den Stall so bald als möglich mit Nutztieren zu füllen. Tiere sind eine wichtige Geldquelle, besonders im Herbst und im Winter, wenn der Gemüseanbau ausbleibt. Während Hühner billig sind und sich zügig nachzüchten lassen, kostet eine Kuh bereits ordentlich Schotter (eine Investition die sich erst auf lange Sicht auszahlt – Kühe benötigen knapp eine Jahreszeit, um das melkfähige Alter zu erreichen). Zudem müsst ihr genügend Heu bereitstellen, wenn der Viehhändler eines seiner Tiere in eure Obhut geben soll. Wer nun aber glaubt, durch das Halten von Hühnern und Kühen würde das langweilige Gameplay um eine aufregende Facette bereichert, den muss ich leider enttäuschen. Abermals stürzen wir uns hier in Monotonie und Routinearbeit. Tagtäglich wollen unsere Kühe gebürstet, bequasselt, gefüttert und gemolken werden, andernfalls werden sie krank und verweigern die Milch. Vorteil des Ganzen ist einzig, dass während der Umsorgung unseres Viehs kein Zeitdruck besteht. Innerhalb aller Gebäude steht die Zeit, aus was für Gründen auch immer, still.

Harvest_Moon_U_00010png_thumbAuszüge aus dem Tagebuch von Billy dem Farmer – 15. Winter

Ziemlich kalt geworden. Draussen kaum noch was zu tun. Habe Puffy ins Haus geholt, wegen Schneesturm. Bereue es jetzt schon. Bin jetzt öfter drüben im Dorf. Finde endlich Zeit, die Weiber zu umgarnen. Quassel die jeden Tag an, sagen aber immer nur das gleiche. Als hätte ich nicht schon genug dumme Hühner um mich... Wollen auch permanent beschenkt werden, diese Hyänen. Denke, ich werde mir wohl Ellen klar machen, die Tochter des Viehhändlers. Die sieht zwar aus wie ein Kerl, steht dafür aber total auf meine Eier. Sehe das pragmatisch, Eier sind kein großer Verlust. Das Mädel kriegt jeden Tag aufs Neue 'nen Kreischanfall, wenn ich ihr ein Ei vor die Nase halte. Schnüffle auch regelmäßig in ihrem Tagebuch herum. Das schreibfaule Gör kritzelt da nichts als Herzchen hinein. Frauen... Haus erneut ausgebaut, jetzt groß genug für Familie. Hoffe, die ganze Arbeit lohnt sich bald. Müsste Ellen Ende Frühling vor’n Altar gekriegt haben, wenn’s weiter gut läuft.

Harvest_Moon_U_00167png_thumbZiel Nummer 3 ist dann letztlich, eine Frau zu finden, sie zu heiraten und Nachwuchs zu zeugen. Ja, liebe Kinder, in Harvest Moon wird dieses Thema noch konservativ angegangen! Erst kommt die Heirat, dann kommen die Kinder! *Shocked* ... Jedenfalls läuft in Punkto Mädels das komplette Gameplay zusammen: Unmengen Geld und Holz für ein großes Haus werden benötigt, damit Billy seiner Herzensdame den Antrag schmackhaft machen kann. Denn wer will schon einen Taugenichts ehelichen?! Sind alle Bedingungen erfüllt, so darf (beziehungsweise muss) die alte Mundart „Liebe ist Arbeit“ natürlich auf Grund der bewährten Harvest Moon-Monotonie dennoch wortwörtlich genommen werden. Im Liebestaumel gilt es, der Herzensdame über Wochen hinweg tagtäglich ein und dasselbe Geschenk zu machen, bis wir ihr eines schönen Tages mittels blauer Feder den Antrag machen dürfen. Nach einer kurzen Quest läuten dann die Glocken, schliesslich werdet ihr nach einiger Zeit und abermals unzähligen Geschenken mit einem plärrenden Balg belohnt. Ob nun Feldarbeit, Viehzucht oder Brautschau, immer läuft es auf die selben Routinehandlungen hinaus. Tag für Tag.

Harvest_Moon_U_00267png_thumbAuszüge aus Tagebuch von Billy dem Farmer – 1. Frühling; Jahr 2

Landleben bringt mich um den Verstand. Höre ständig Musik in der Luft. Wundere mich ausserdem über meine Kühe. Sehen alle gleich aus.

Technisch gesehen: Durchaus akzeptabler Detailreichtum, große Farbpalette, Charaktersprites auf durchschnittlichem SNES Niveau. Jedoch darf man nicht vergessen, dass Harvest Moon eines der letzten Spiele auf dem Super Nintendo war. Abgesehen vom Wetter gibt es absolut keine Effekte, die gesamte Spielwelt ist ein animationsfreies Standbild. Auch der Sound ist  keine Trumpfkarte: Werfen wir etwas in die Sammelbox, so klingt das - mit Verlaub - nach Klo und Pümpel. Das Scrollen der Textboxen erinnert an die Störfrequenz eines Radios und von den Soundeffekten beim Holzhacken möchte ich gar nicht erst reden. Die Musik mag teilweise recht nett sein, von den gerade mal 14 Melodien werden aber  größtenteils nur sechs wirklich genutzt (4 Jahreszeiten, Stadt und Berge).

Harvest_Moon_U_00172png_thumbJetzt kennt ihr Harvest Moon. Jetzt wisst ihr, wie langweilig Harvest Moon ist. Im Ernst: Wer bis hierhin gelesen hat, tja, der weiß nun wirklich alles über dieses Spiel. Problemlos dürftet ihr nun nachvollziehen können, warum gar nicht wenig Leute mit Harvest Moon absolut nichts anzufangen wissen. Ihr mögt euch daher total berechtigt fragen:

WARUM DANN BITTE SCHÖN ZEHN PUNKTE??

Tja. Was ihr noch nicht nachvollziehen könnt, ist, weshalb ich Harvest Moon trotz seines Teufelskreises der Langeweile  so sehr verehre. Wisst ihr, früher stand hier im Bewertungskasten mal eine sieben. Ich war überzeugt, im Fall von Harvest Moon einen Kompromiss zwischen all der Monotonie und dem unverwechselbaren Charme finden zu müssen. Aber es gibt keinen Kompromiss der sich finden ließe, ohne dass ich dabei in aller Deutlichkeit am Punkt dieses Spiels vorbei schreiben müsste. Für manche ist Harvest Moon ein Must-Have, für andere ist es einfach nur öder Unfug.

Harvest_Moon_U_00157png_thumb Die geschilderte Langeweile Harvest Moons empfinde ich gleichwohl als solche, und dennoch fesselt mich dieses Spiel immer wieder an den Bildschirm. Harvest Moon ist etwas ganz besonderes: Mag die Kurzzeitmotivation auf Grund des eintönigen Gameplays eher ... suboptimal ausgefallen sein, ist die Langzeitmotivation paradoxer Weise umso höher. Das liegt daran, dass Harvest Moon nicht aus sich selbst, sondern aus dem Gestaltungswahn des Spielers heraus lebt. Trotz aller Monotonie quält mich im Hinterkopf während jeder Routinearbeit der immense Wille, einen tollen Bauernhof aufzubauen. Ob ich nun für den Ausbau meines Hauses schufte, für eine neue Kuh oder einfach einen neuen Zaun. Stets bewältige ich alle Mühen wie hypnotisiert in Hinblick auf jenen Plan vom Traumhof, den sich jeder Harvest Moon-Freund liebevoll im Kopf zurechtlegt. Der eingefleischte Fan möchte sich sein eigenes Paradies erschaffen, es hegen und pflegen. Jeder Schritt dorthin erfüllt Spiel und Spieler mit Sinn und Freude. Dabei gelingt es diesem Spiel, eine erstaunliche Eigendynamik zu entwickeln. Zwar ist jeder Tag im Endeffekt wie der Vorherige; ein jeder Tag ist aber auch ein abgeschlossenes "Etappenziel" für sich: "Ach, komm. Einen Tag spiele ich noch". "Vielleicht noch einen?". Plötzlich schaut man auf die Uhr und merkt erst, wie schnell die Zeit beim Spielen von Harvest Moon doch vergeht.

Harvest_Moon_U_00055png_thumbSchon die Bibel sagt, wir sollen unser Brot im Schweisse unseres Angesichts verdienen. Harvest Moon zu spielen fühlt sich schnell wie echte Arbeit an. Ich ermuntere jeden, den dieser Eindruck nach einer Weile beschleicht, das Spiel einen Tag ruhen zu lassen. Harvest Moon spielt man nicht stundenlang, man spielt es ein Leben lang immer mal wieder eine Stunde. Ein Stückchen muss man sich dabei jedes mal erneut auf dieses Spiel einlassen, das ist wohl nicht abzustreiten. Somit ist Harvest Moon ein Spiel, welches zwar häufig schnell, dafür aber niemals endgültig langweilig wird. Und so rechtfertige ich ein letztes mal meine Leidenschaft für dieses Spiel: Gameplay, Grafik und Sound - das sind  Wertungsaspekte über denen Harvest Moon einfach drüber steht. Tatsache ist: Kein anderes Spiel auf dem Super Nintendo bietet mir mehr Möglichkeiten, etwas Eigenes, Persönliches einzubringen. Schaut auf den Screenshots. Wisst ihr, wie lange es dauert, so ein kleines Paradies zu erschaffen? Wisst ihr wie zufrieden man ist, wenn man es einmal geschafft hat? Wenn ihr den Charme von Harvest Moon jetzt immer noch nicht erkannt habt, dann seid ihr vermutlich einfach nur unverbesserliche Banausen. Kleiner Scherz. Lasst euch nicht aufs Korn nehmen. ^__~

Fazit des Autors - Moi-Même

Auszüge aus dem Tagebuch von Billy dem Farmer – Jahr 2011

Als ich noch ein Lausbub war, hatte ich viele Pläne. Bin zu Nintendo. Dachte: „Billy, die machen wen aus dir!“. Nix. Fanden mich langweilig. Ich weiß, dass ich langweilig bin. (*Kaut an einem Strohhalm*) Pah! Ich habe vielleicht kein Schwert und auch kein Tri-Force. Ich trage auch keinen Spacesuit und Arwings kann ich auch nicht fliegen. Nichtmal Klempner bin ich geworden. Aber ich bin trotzdem stolz auf mich. Meine Kinder, Enkel, Ur- und Ururenkel sind Bauern!  (*Hebt den Finger*) Mehr als 30 Nachfolger habe ich auf sämtlichen Konsolen hervorgebracht und selbst heute noch sagen alle, dass mein Teil auf dem SNES der beste war! Ich bin vielleicht nur ein einfacher Farmer. Aber ich bin trotzdem ein Held.

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