Dienstag, 24 April 2012 20:04

SOS

Written by ChronoMoogle

bewertungskasten SOS ohne Stern ChronoMoogleSOS.000 thumbIrgendwo, inmitten der weiten Ozeane, fährt der Luxusdampfer »Lady Crithania« durch die dunkle Nacht… Ein rauer, regnerischer Sturm macht dem Kapitän des gewaltigen Schiffs große Sorgen. Die Besatzung geht gleichwohl, wenn auch mit einem mulmigen Gefühl, ihrer täglichen Arbeit nach und die Passagiere genießen gänzlich unbesorgt ihren Aufenthalt auf dem erstklassigen Kreuzer. Gerade eben scherzte noch ein Gentleman über die Haie, die in den Gewässern lauern, da ergreift plötzlich eine gewaltige Flutwelle die Crithania. Unter der schieren Macht der Naturgewalt kippt das Schiff…

…Und beginnt langsam - aber unausweichlich - in Richtung Meeresgrund zu sinken. Es ist das absolute Chaos: Erschlagene Leichen wohin man blickt, verzweifelte Frauen rufen nach ihren Kindern und jeder Überlebende versucht geschockt, der schrecklichen Situation zu entfliehen. Die Lage scheint vollkommen aussichtslos, denn alle normalen Ausgänge sind längst blockiert oder überflutet. Kann es überhaupt eine Rettung geben? Herzlich Willkommen an Bord des Super Nintendo-Spiels »SOS«, auch bekannt unter seinem japanischen Titel »Septentrion«.

SOS.001 thumbWas wir hier vor uns haben, ist ein perfektes Beispiel, wie man trotz all der Limitierungen einer 16-Bit-Konsole eine erdrückende Atmosphäre erschaffen kann. Wir starten an einem bestimmten Punkt des Schiffes (der jeweils variiert, je nachdem welchen der vier Protagonisten wir auswählen) und werden quasi ohne Umschweife mitten in das Geschehen geworfen. In den einengenden, teils zerstörten und infolge des Kenterns immer wieder rotierenden Gängen der Crithania fühlt sich der Spieler wie in einem Irrgarten, und will angesichts des stetig steigenden Wasserspiegels nur eines: möglichst schnell runter von diesem sinkenden Ungetüm. Ob der Protagonist seine Flucht allein bestreitet, oder ob er auch anderen Passagieren ins Freie verhilft, wird dem Spieler dabei übrigens gänzlich freigestellt. Die Handlung und auch die unterschiedlichen Enden des Spiels variieren auf jeden Fall stark, abhängig von der Wahl der Spielfigur, und je nachdem welche Personen man auf seiner Flucht ins Freie mit sich führt. Die Personen, die dem gewählten Charakter nahe stehen, sind für ein glückliches Ende zum Beispiel genauso nötig wie mindestens ein Crewmitglied, welches den Weg zum Rettungsboot weist.

SOS.002 thumbZeit und Zerstörung - das sind die einzigen Gegner in SOS. Es ist die Flucht durch ein Höllenlabyrinth, nicht nur, weil die Crithania riesig ist, sondern auch, weil sich die Umgebung immer wieder verändert. Lichter fallen plötzlich aus, Korridore stehen auf einmal in Flammen oder das Wasser überflutet ganze Räume. Jederzeit könnte das Schiff kippen, und dann entpuppt sich eine vormals sichere Marschroute womöglich als tödlicher Abgrund! Das Spiel ist somit definitiv dem Survival-Genre zuzuordnen, und gerade das macht SOS so atmosphärisch. Gleichwohl erfordert das Spiel auch einiges an Timing und Geschicklichkeit. Ein dumpfes Grollen kündigt eine baldige Schiffsbewegung an. Dann muss schnell, aber überlegt reagiert werden, denn Unachtsamkeit (wie etwa ein zu tiefer Sturz) bedeutet für eure NPC-Begleiter in der Regel den (endgültigen) Tod. Wird der Hauptcharakter verletzt, ist das hingegen nicht so tragisch, man verliert allerdings wegen der hierdurch eintretenden Bewusstlosigkeit wertvolle Zeit. Stellenweise muss man SOS vielleicht stumpf auswendig lernen, einige Situationen sind jedoch angesichts der Zufälligkeit von Ereignissen nicht vorhersehbar und erfordern daher kluge Reaktionen.

SOS.004 thumbAllem Enthusiasmus zum Trotze sollte man bei SOS darauf gefasst sein, dass die ersten Versuche mit hoher Wahrscheinlichkeit scheitern, und bestenfalls zum Ausprobieren und Erforschen dienen werden. Schon wer bloß den Ausgang findet, ohne auch nur einen NPC gerettet zu haben, kann sich stolz auf die Schulter klopfen. Ein Durchlauf dauert jeweils „nur“ circa 30 Minuten, daher verzichtet das Spiel vernünftigerweise auf eine Speicherfunktion. So oder so erfolgt der „Fortschritt“ bei SOS eher in Form eines Erfahrungszuwachs des Spielers. Von mal zu mal kann man mit etwas Neugier neue Mitstreiter finden, die sich manchmal erst durch kleinere Subquests, wie das Finden eines Gegenstandes oder eines anderen Charakters, zum Mitkommen überreden lassen. Durch ihre Dialoge und ihre vielseitigen Charakterzüge verleihen die diversen NPCs diesem Spiel so einiges an Tiefe, so dass man auch nach mehrmaligem Durchspielen noch Motivation für einen weiteren Durchgang findet. Der prinzipiell sehr überzeugende Gesamteindruck wird jedoch durch die schwache Begleiter-KI abgewertet, die ständig irgendwo hängenbleibt und schneller draufgeht, als man ein Stoßgebet gen Himmel schicken kann.

SOS.003 thumbMit Hinblick auf das realistische Setting und das viele Sterben muss natürlich auch die Zensurschere angesprochen werden. Diese kam zum Glück nur sehr geringfügig zum Einsatz, lediglich eine Bar mit zwei betrunkenen Passagieren wurde aus der US-Version entfernt. Anderweitig bedenkliche Inhalte (wie etwa Leichen, Selbstmord und menschlicher Wahnsinn) wurden ungeschnitten aus Septentrion übernommen, was angesichts der Lizenzpolitik von Nintendo of America erstaunt, der Glaubwürdigkeit des Spiels aber sehr zugutekommt. Grafisch ist SOS sehr ansehlich, mit vielen, kleinen Details in den Hintergründen und einem gelungenen Mode 7-Effekt beim Drehen der Spieloberfläche. Lichteffekte und schicke Animationen runden den optisch hochwertigen, düsteren Grafikstil ab. Musikalisch könnte man sagen, dass die vorhandenen Kompositionen extrem atmosphärisch und melodiös komponiert sind. Allerdings mit dem kleinen Haken, dass das Spiel gerade mal sechs (!) Musikstücke aufweist. Die Soundeffekte sind allerdings durch die Bank weg gelungen. Das Knarzen des rotierenden Schiffes oder die Todesschreie bringen dem Spieler das Chaos an Bord des sinkenden Schiffes unmittelbar nahe.

Fazit des Autors - ChronoMoogleIch liebe SOS einfach dafür, dass es so einzigartig ist. Die drehende Spieloberfläche, das atmosphärische Setting und der große Wiederspielwert machen einfach verdammt was her. Aber wieso macht man bitte die Rettung der anderen Charaktere so schwer, und balanciert die KI dann nicht vernünftig aus? Unverzeilich. Ich gebe dem Spiel nur aus Vernunft ein „Gut“, aber versteht mich bitte nicht falsch. Ich finde SOS trotzdem super und will es in meiner Sammlung wirklich nicht missen. SOS hat definitiv das Potential zu einem kleinen Klassiker, welcher es dann im Detail aber leider verschlust. Für interessierte Spieler letztlich noch ein Hinweis: Das Spiel wird ziemlich leicht mit dem deutlich schlechteren »S.O.S. - Sink Or Swim« verwechselt, also Obacht beim Ebaykauf.
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