Montag, 01 Februar 2010 23:00

Starwing

Written by part one

bewertungskasten_starwing_ohne_sternStarwing001png_thumbIm Jahre 1993 kündete sich in diversen Videospielzeitschriften ein Spiel an, das auf abstrakte Weise aus dem Rahmen fiel: man sass als Neugieriger vor seiner Video Games Ausgabe und versuchte krampfhaft, sich die Polygonhaufen in Bewegung vorzustellen oder hatte sogar Mühe damit, auszumachen, was sie darstellen sollen. Die Screenshots waren weit entfernt von spektakulär ... doch wer konnte ahnen, dass Starwing die einzige Ausnahme im Leben darstellt, wo tatsächlich eine 2. Chance für einen 1. Eindruck gewährt wird.

Ein besonderes Marketing-Kränzchen muss ich Nintendo für das geniale Artdesign-Konzept widmen: da sich aus oben genanntem Grund die Werbetrommel durch Screenshots alleine nicht laut genug schlagen liess, und das Spiel an sich eine nüchterne „Geometrieromantik“ ausstrahlte, liess sich Miyamoto einen kleinen Geniestreich einfallen, um den wichtigen Umsatzträger „Emotion“ beim Zielpublikum zu wecken: statt die tierischen Protagonisten, wie es damals zum Etikett gehörte, für das Cover von einem Comiczeichner absolut austauschbar hinkritzeln zu lassen, griff man etwas tiefer in die Tasche und liess in bester Jim Henson Manier sprichwörtlich die Puppen tanzen. Fox und Co. wurden aufwändig von Puppenmachern modelliert, ebenso die Arwings – und zwar so geil, dass sich selbst George Lucas der Bart kräuselt.

Starwing286png_thumbBack to topic: Starwing erzählt die Geschichte einer Truppe von Space-Renegades, quasi die Bremer Allmusikanten. Erklärtes Ziel ist es, dem Unhold Andross gehörig die Leviten zu lesen. Dies macht ihr in bester Shooter-Manier: die Struktur des Spiels geht in Richtung Railshooter. Ihr fliegt auf vorgegebenen Pfaden und habt grosszügigen aber doch eingeschränkten Manövrierfreiraum. Was heutzutage Mindestanforderung ist, war anno dazumal eine Offenbarung: trotz festgelegtem Aktionsradius fühlte man sich grenzenlos frei im Manövrieren des Arwings durch die Weltraumschikanen. Die Steuerung geht nach kurzem Eingewöhnen so von der Hand, als hättet ihr niemals etwas anderes gespielt: ein Button schiesst Salven auf eure Gegner, dann gibt’s einen für die bildschirmsäubernde Smartbomb, und schliesslich flankiert ihr eure Manöver mit Vorwärts- oder Bremssschub. Mit den Schultertasten könnt ihr euren Gleiter in die Senkrechte drehen und somit elegant durch enge Spalten preschen. Ihr wählt für euer Abenteuer eine von drei verschieden schweren Routen, und schon startet das Intro zum Spiel, das euch für die nächsten Stunden Raum und Zeit vergessen lässt.

Starwing478png_thumbDie für damalige Verhältnisse polarisierende, jedoch zweifelsohne innovative Grafik bildete den Grundstein für alles, was heutzutage Gesetz ist: flüssigste Vektorgrafik – der Wechsel von Pixel zu Polygon. Dass der Einstand einen Senkrechtstart hinlegt und auf die Konkurrenz eine Druckwelle loslässt, ist einfach nur traumhaft. Diese Leistung ist einem kleinen Chip zu verdanken, dessen vielversprechende Karriereaussichten nach diesem gelungenen Auftritt leider nicht realisiert werden sollten: der Super-FX-Chip. Diese Polygonschlacht kann aber nur mit einer wichtigen Zutat funktionieren: Der Animation – und was in dieser Hinsicht geboten wird, ist einfach nur phänomenal! Jedem noch so kleinen Polygonwesen wurde so geschickt Leben eingehaucht, dass in euch Mitleidsregungen aufkommen, wenn ihr beispielsweise einen friedlich und majestätisch vorbeiziehenden Manta abschiesst. Auch die kreative Vielfalt, die investiert wurde, jedem Planeten neben seiner eigenen Fauna und Flora auch die einzigartige und harmonische Farbgebung zu verpassen, sucht seinesgleichen. Man versetze sich in das Jahr 1993 und rufe sich in Erinnerung, dass die beste Space-Atmosphäre bislang durch ein R-Type vermittelt wurde ... und starrt verdutzt auf die Mattscheibe, wenn bereits in der Introsequenz absolut Hollywoodreife und spektakuläre Kamerafahrten abgespult werden. Apropos: Das Intro ist meines Erachtens ein Meisterwerk für sich. Es katapultiert euch nahtlos in die Action und wenn dann noch der heroische Sound mit perfektem Starwing075png_thumbTiming einsetzt, während eure Gleiter aus der Basis preschen, fahren euch unweigerlich Schauerwellen über den Rücken. Die Berücksichtigung des Zeitpunktes 1993 ist wichtig – Kinder des Next Gen-Zeitalters werden diese Faszination wohl kaum verstehen.

Das Star Wars Erfolgsrezept war es, die Weltraumaction mit treibendem Orchestral-Soundtrack zu fördern – und genau diese Formel haben die Programmierer mustergültig für Starwing adaptiert: Hier werden ein paar Ohrwurm-Kaliber auf euch abgefeuert, die ihr so schnell nicht mehr vergesst. Diese Killeratmosphäre, die die Grafik so perfekt an den Spieler vermittelt, das Gefühl der unendlichen Weite des Weltalls bekommt mit Hilfe dieser Mucke einen Boost, der euch vor Staunen den Schliessmuskel lockert. Mit den Soundeffekten verhält es sich ähnlich profiliert: Wer zusammenhangslos ein Geräusch aus Starwing hört, wird es unweigerlich dem Spiel zuordnen; und zwar nicht, weil er über das absolute Gehör verfügt, sondern weil es absolut eigenständig ist.

Fazit des Autors - part one Da kann kommen was will: ich könnte morgen meinen Job als Commander auf der Brücke einer Raumstation antreten, oder Pizzen mit einem X-Wing nach Vulkanien liefern – Nichts auf dieser Welt wird mir jemals einen intensiveren Weltraum-Flash verschaffen. Der episch anmutende Endkampf auf Venom, mit all seinen phänomenalen Kamerafahrten, ist einer der zehn unvergesslichsten Spielmomente, die ich erleben durfte. Dieses Spiel ist legendär, und dies hat seinen Grund: ich hatte die Faszination anno 94, als ich das Modul erstmals mit schweissnassen Händen frisch durchgezockt hatte. Im April 2008 gönnte ich mir seit vielen Jahren erneut einen Ausflug im Arwing – und an der Faszination hat sich nichts geändert! Das ist der Stoff, aus dem Legenden sind.

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