Print this page
Dienstag, 09 August 2011 21:39

Chaos Seed

Written by ChronoMoogle

bewertungskasten_chaos_seed_ohne_sternChronoMoogleChaos_Seed.247png_thumbDas SNES ist eine der wenigen Konsolen, die zumindest eine kleine Anzahl an guten Action RPGs hervorgebracht haben. Seit ich Terranigma - meinen all-time Favoriten - das erste mal spielte, war ich auf der Suche nach dem heiligen Gral dieses Genres. Bis heute.  Denn ich habe das Spiel gefunden, das in spielerischer Brillanz, Umfang und Atmosphäre endlich meinem persönlichen Lieblingsspiel das Wasser reichen kann. Nein, es ist nicht das Prequel Illusion of Time, auch das geniale Seiken Densetsu 3 wollte meinen Ansprüchen noch nicht ganz genügen.

Das Spiel, welches sich für mich endlich als gleichwertig herausstellte, heißt Chaos Seed. Aber streng genommen ist Chaos Seed gar kein reines Action RPG. Ähnlich wie Terranigma mischt es Simulationsaspekte in das Spiel hinein, nur eben deutlich ausgeprägter, garniert es mit einer Priese Taktik und bleibt dabei doch seinen RPG Wurzeln treu. Klingt kompliziert. Ist es auch. Aber wer sich auf diesen letzten 16 bit Blockbuster von Neverland (die Macher von Lufia) einlässt, den erwartet ein Spiel, das durch und durch einzigartig ist.

Chaos_Seed.023png_thumbDoch was wäre ein RPG ohne Story? Nudeln ohne Soße, ein Vogel ohne Federn? Irgendwie sowas. Neverland hat sich eine feine, halbwegs klischeefreie Handlung einfallen lassen: Im fernen Land Doutenpuku - welches an das feudale China erinnert - lebten vor langer Zeit die Dousen. Diese Meister des Feng Shui erhielten mittels unterirdischer Höhlen das Gleichgewicht im Energiestrom der Erde. Bitter nötig, denn die kriegerische Natur der Menschen brachte das Gleichgewicht der Erde mächtig durcheinander. Irgendwann sah die Menschheit ihre Fehler ein und lebte fortan im Einklang mit den Dousen, doch die Generationen strichen ins Land und die Menschen begannen erneut in Völlerei umzuschwenken. Für den Verfall der Natur machten sie die Dousen verantwortlich, schickten Kriegerscharen in ihre Höhlen, zerstörten und plünderten sie aus. Kaum ein Dousen überlebte diesen Krieg der Missverständnisse, das Land starb und die Wut der Menschen wuchs. Doch einem Dousen gelang es, sich rechtzeitig in den Bergen zu verstecken. Die einzige Hoffnung, die Welt wieder in Einklang zu bringen, lastet nun auf den Schultern seines Lehrlings, dem Protagonisten, euch.

chaosseedfuusuikairokijpng_thumbDas Spiel führt euch durch mehrere Szenarien. Insgesamt 10 Stück gilt es freizuspielen. Das klingt, so als Zahl, nicht sehr umfangreich. Doch jedes Szenario ist in sich abgeschlossen und hat eine eigene umfassende Story sowie mehrere Enden im Stil von Chrono Trigger zu bieten. Die Spieldauer kann je nach Szenario und angestrebtem Ende zwischen 30 Minuten bis hin zu mehreren Stunden variieren. Wer sich glatt zum Ziel macht, den letzten Anspielpunkt zu bestreiten, wird über 100 Stunden mit dem Spiel verbringen können. Man muss nämlich nicht weniger als alle Enden für die 10. Mission gesehen haben. Wer diese ultimative Herausforderung angehen möchte, hat also einen ziemlich hohen Wiederspielwert. Die restlichen Szenarien sind zum Glück leichter freizuspielen; ein ganz konkretes Ende von Mission X schaltet Mission Y frei, dessen neue Story dann nahtlos an  das vorherige Szenario anknüpft. Durch diese Umstände sind die einzelnen Spielabschnitte zwar in sich abgeschlossen, aber doch lose in der Gesamtstory verknüpft. 4 der 10 Szenarien stellen Sidequests zur Haupthandlung dar, müssen sich aber nicht vor den Story-Missionen verstecken!

chaosseedfuusuikairokijmpng_thumbIm Prinzip verfolgt fast jede Mission das Hauptziel, die so genannte Drachenvene, das Herzstück eines jeden Dousen Dungeons, mit Energie zu füttern. Die Drachenvene versorgt die Natur mit neuer Energie und lässt so das Leben wieder auferblühen. In jeder (stets zeitlich begrenzten) Runde lassen sich bis zu 1000 Energiepunkte in die Drachenvene entladen, wofür der Dousen neue Punkte zum Raumbau erhält. Allerdings benötigt der Spieler Energieräume, um die Energie aus dem Boden in eine nutzbare Form zu bringen und letztlich zu ernten. Hier kommt der Simulationsaspekt des Spiels zur vollen Entfaltung. Denn mit einer Raumart ist es nicht getan! Ohne das magische Sentan, welches unter anderen die (zwischen den Runden) anwählbaren Upgrades für die Räume ermöglicht, arbeiten diese nämlich nur sehr langsam. Daher gibt es Produktionsräume, die besonders schnell Sentan abbauen können. Die vielen unterschiedlichen Monster, welche ihr in einem Beschwörungsraum rekrutieren könnt, unterstützen euch wiederum entweder im Kampf oder transportieren größere Mengen Sentan und Energie in Räume, welche vom regulären Energiefluss nur schlecht erreicht werden.

chaosseedfuusuikairokijvpng_thumbBeim Transport und Austausch ist ein wichtiges Gameplayelement zu beachten, der Feng Shui Fluss. Je nachdem, an welcher Stelle sich das Zentrum eines Raumes befindet, kann ein Raum das Element Feuer, Wasser, Erde, Metall oder Holz besitzen. Diese Elemente gehen unterschiedliche Beziehungen zueinander ein. Der Energiefluss von einem Holz- zu einem Feuerraum erhält einen Extraboost, zwischen einem Feuer- und einem Wasserraum ist er hingegen blockiert. Das Element bestimmt ausserdem auch, welchem der 8 Zwecktypen der Raum zugeordnet werden kann. Wer aufmerksam ist, kann hier fast keine Fehler machen. Wie viel Sentan (Grün) und Energie (Gelb) ein Raum maximal produzieren kann, ist ebenfalls kein Zufall: Im Menü für die Raumerstellung sind verschiedenfarbige Punkte angezeigt, die euch die genaue Anzahl der abbaubaren Recourcen deutlich macht. Große Räume können mehr Recourcen abbauen, sind dafür aber ein leichteres Ziel für Gegner und verbrauchen ausserdem viel Platz. Allgemein funktioniert ein gesund aufgebauter Dungeon wie ein lebender Organismus, in dem jedes Organ das jeweils anliegende unterstützen kann.

chaosseedfuusuikairokijbbpng_thumbKlitzekleines Momentchen mal. Ich erwähnte im letzten Absatz etwas beiläufig, dass es insgesamt 8 verschiedene Raumtypen gibt. Bereits genannt wurden Produktionsräume die Energie abbauen, solche, die Sentan abbauen und Beschwörungsräume, in denen ihr Monster rufen könnt. Also was hat es mit den anderen 5 Räumen auf sich? Zunächst gibt es in Chaos Seed eine Menge nützliche Items, die von Zaubern über Ausrüstungsgegenstände bis hin zu Artefakten mit ganz besonderen Effekten reichen. Ab und zu werden diese von Feinden fallen gelassen, aber wem die Ausbeute noch nicht genügt, der kann diese auch in mit einem Itemraum aufspüren. Allerdings benötigen diese Räume einen der spärlich gesäten roten Resourcenpunkte. Da das Inventar des Helden außerdem maximal 10 Fundstücke aufnehmen kann, besteht noch die überaus praktische Möglichkeit, einen Itemspeicher aus dem Boden zu stampfen. Hier lassen sich je nach Ausbaustufe verschieden viele Items lagern oder sogar in andere Szenarien mitnehmen. Macht fünf Räume. Fehlen noch drei. Diese spielen hauptsächlich für das Kampfsystem von Chaos Seed eine Rolle. Dazu dann sogleich.

chaosseedfuusuikairokijqpng_thumbDie Kämpfe sind die sprichwörtliche Kirsche auf dem Eis dieses Titels. In bester Action RPG Manier gilt es, die einströmenden Kriegermassen zu bezwingen. Neben all dem Getier,  das gelegentlich in neu erstellten Räumen herumkriecht, erscheinen jede Runde unterschiedlich viele Portale in der Höhle des Dousen, aus denen die Heerscharen der Menschheit strömen. Die wollen unseren Dungeon zu zerstören! Also zerstören wir SIE, mitsamt ihren Portalen. Logischwerise gibt es dafür EXP, man steigt folgerichtig irgendwann im Level auf und lernt mit der Zeit neue Zauber. In jedem Szenario beginnen der Held und seine Gefährten wieder auf Level 1, was aber nicht weiter tragisch ist, da sich die Feinde praktisch immer dem aktuellen Level anpassen. Um die Gegner zu bezwingen steht dem Spieler neben diversen, hübsch animierten Zaubern auch ein großes Schlagrepertoire zur Verfügung, welches gut vergleichbar ist mit dem Kampfsystem von Terranigma. Die drei Tasten A, B und Y sind alle mit ihren ganz eigenen Schlagstilen belegt, welche sich zudem frei miteinander kombinieren lassen. So fegt der geübte Kämpfer wie ein Wirbelwind durch die Gegnerscharen.

chaosseedfuusuikairokiijpng_thumbJe mehr Runden verstreichen, desto aggressiver und hartnäckiger werden die Feinde. Doch ganz allein muss der Held sich ihnen nicht stellen. Neben rekrutierten Storycharakteren lassen sich Tierwesen, so genannte Senjuu, beschwören. Diese sind je nach Gattung nicht nur zum bereits erwähnten Resourcentransport, sondern auch zum Reparieren von zerstörten Räumen und zur Verteidigung des Dungeons geeignet. Weiterhin unterstützen die 3 bisher noch nicht beschriebenen Raumarten den Spieler bei der Verteidigung der Höhle: Ein Überwachungssraum deckt die feindlichen Portale auf der sonst verdunkelten Minikarte auf. Der Transportraum teleportiert den Spieler schnell an strategische Brennpunkte und ein Verteidigungsraum stellt den Gegnern Fallen. Wer also eine clevere Verteidigung aufbaut, entledigt sich seiner Gegner deutlich schneller und spart Rundenzeit, die zum Ernten und für den Dungeonausbau genutzt werden kann. Das Zeitmanagement verpasst dem Spiel so gesehen eine leicht taktische Note. Ist eine Runde abgelaufen, darf neben den bereits genannten Ubgrades der Räume ausserdem abgespeichert und die Route der Senjuu bearbeitet werden.

chaosseedfuusuikairokaijpng_thumbEin paar Zwischengedanken. Besonders gefällt mir an diesem Spielprinzip, dass es das Konzept von herkömmlichen RPGs vollkommen über den Haufen schmeißt: Anstatt von Dungeon zu Dungeon zu ziehen und sich zu den Endgegnern zu kämpfen, baut man selbst Dungeons auf und beschützt ihn höchst persönlich als "Boss" vor einstürmenden "Weltverbesserern". Ein geniales Konzept, welches später durch die im Westen deutlich bekannteren PC Reihe "Dungeon Keeper" ebenfalls aufgegriffen wurde. Chaos Seed war das erste Spiel seiner Art und somit äusserst mutig, fast schon ein eigenes Genre mit dem Spielprinzip zu begründen. Überraschenderweise sind die Menüs sehr umfangreich und doch übersichtlich. Bugs und Kinderkrankheiten sind im System kaum auszumachen. Das ändert zwar alles nichts daran, dass Chaos Seed dem westlichen Spieler eine heftige Sprachbarriere in den Weg stellt, zeigt aber, dass ein Zugang durchaus möglich ist. Insbesondere, wenn man sich mit einigen der im Internet auffindbaren FAQs und Guides auseinandersetzt. Eine Saturn-Portierung gibt es übrigens auch, allerdings gilt die SFC-Version in ihrer Umsetzung als deutlich besser.

chaosseedfuusuikairokijhpng_thumbNun gut, zurück zum Spiel. in späteren Szenarios werden die Dungeons immer größer und die Gegner immer schwerer, es gibt unendlich viele Möglichkeiten, seine Höhle zu bauen und seine Party aufzustellen. Aber für ein abwechslungsreiches Spiel ist das bei weitem noch nicht genug, denn dafür hat das durchdachte Simulationssystem von Chaos Seed einfach zu klare Richtlinien im Spielablauf. Um es ganz provokant zu sagen: Höhle aufbauen, Verteidigen, Einspeisen, Upgraden, Verteidigen, weiter Einspeisen. Ich kann es niemandem zum Vorwurf machen, wenn das alles irgendwie ziemlich monoton klingt. Neverland umgeht dieses Problem aber geschickt und ruht sich nicht auf den Lorbeeren des an sich sehr gelungenen Spielsystems aus. So wartet Chaos Seed immer wieder in den Missionen mit kleinen Zwischenbossen,ein paar besonders schweren Kampfcolosseen oder Sidequests in "richtigen", nicht selbstgebauten Dungeons, welche im Action-Adventure Stil gehalten sind. Andere Sidequests wie das Beschützen eines Dracheneis, welche sich auf das Ende der Mission auswirken, bringen ebenfalls zusätzliche Abwechslung und Wirbel in den Dousen-Alltag.

chaosseedfuusuikairokijjpng_thumbAb und zu gilt es ein kleines Rätsel zu lösen, eine wichtige Storyentscheidung zu treffen oder die Menschen undercover in ihrer eigenen Stadt zu besuchen. Viele Storyabschnitte und kleine zufällig eingeblendete Zwischensequenzen zwischen den Runden lassen Chaos Seed dynamisch wirken. Das Einzige, was der geneigte RPG Fan vom alten Schlag vermissen könnte, wäre eine Weltkarte à la Final Fantasy. Man fühlt sich in seiner Höhle aber entgegen aller Befürchtungen aber niemals wie abgekapselt und die Spielwelt wirkt mit zunehmender Spieldauer immer tiefer und lebendiger, den genannten Punkten sei dank. Unterschiedliche Enden werden nicht nur mit neuen Missionen, sondern teilweise auch mit anderen Bossen und neuen Abspännen belohnt. Wo wir schon bei den Bossen sind, diese verdienen auf jeden Fall eine besondere Erwähnung, denn sie weisen neben beeindruckenden Attackenpattern auch gerne mehrere Stufen auf. Von ihrem Schwierigkeitsgrad kann man auch definitiv sagen, dass sie den Namen "Endgegner" mehr als verdient haben. Kurz: das Spiel ist wirklich ein äusserst abwechslungsreiches Erlebnis in Sachen Handlung und Gameplay.

chaosseedfuusuikairokiaajpng_thumbIn der Präsentation weiß Chaos Seed ähnlich zu beeindrucken wie im komplexen Gameplay, die Grafiken sind sehr detailverliebt und die Animationen wirken wie aus einem Guss. Und spätestens wenn bei einem Bossgegner der halbe Bildschirm voller Geschosse ist, steht selbst bei den Shoot'em Up Experten der Mund weit offen. Etwas negativ fällt auf, dass die Framerate bei sehr zahlreichen Gegnern und gleichzeitigen Magiegewitter ab und zu mal leicht in die Knie geht, was aber nicht wirklich den Spielfluss stört. Der Sound besitzt über 50 Themes mit einigen der schönsten Stücke, die das RPG-Genre auf dem SNES so hervorgebracht hat. Er unterstreicht die mystische, teils dunkle Atmosphäre des Titels perfekt. Die traurige Realität ist allerdings, dass dieses Spiel unbeachtet blieb. Es wurde fast zeitgleich mit den beiden Square RPGs Rudora No Hihou und Treasure Hunter G released, welche ihm schlicht die Schau stahlen. So hat sich Chaos Seed in Japan inzwischen zu einem der größten RPG Geheimtipp auf dem SNES gemausert, die kleine Auflage ließ den Preis inzwischen bis in den dreistelligen Eurobereich steigen. Eine billige Alternative ist der umstrittene Saturn Port.

Fazit des Autors - ChronoMoogleChaos Seed ist kein Spiel, was man sich in den Modulschacht steckt um den Kopf abzuschalten. Nein, stattdessen sind hier graue Zellen und angeeignetes Können gefragt. Action und Simulation in einer perfekten Symbiose. Es lässt den Spieler in eine neue Welt eintauchen und erzählt ihm eine philosophische Geschichte. Was wir hier vor uns haben begründete fast ein neues Genre und ist bis heute ein einzigartiges Videospiel, ja eine wahre SNES Perle, die durch schlechte Vermarktung vor die Säue geworfen wurde. Aber so ist das nunmal, die Welt der Videospiele ist nicht immer gerecht. Ich kann abschließend nur sagen, wer sich eine Chance auf ein Modul dieses Meisterwerks entgehen lässt ist schlicht weg selber schuld. Dieses Spiel ist episch und zeitlos.

Zu Chaos Seed könnt Ihr in unserem Forum mitdiskutieren!