Donnerstag, 19 Mai 2011 19:25

Umihara Kawase

Written by Stormfather

bewertungskasten_umihara_kawase_ohne_sternumihara_kawase_shun_jap.000png_thumbIhr kennt das sicher alle noch. Ihr kommt heim von der Schule, schlendert nichts böses ahnend die Straße entlang, und plötzlich steht ihr vor einem breiten, mit Wasser gefüllten Graben. Was macht man in einer solchen Situation? Richtig, man holt den Enterhaken aus dem Rucksack und schwingt sich gekonnt über das Wasserhindernis. Nun glaubt man, der Tag könnte schlimmer nicht mehr werden, da taucht plötzlich ein riesiger Fisch auf und rast erbarmungslos auf einen zu! Also wieder den Haken raus, Fisch einfangen und ab mit dem Vieh in den Rucksack.

Da soll nochmal jemand sagen, der Schulweg sei nicht stressig. ...Wie? Ihr hattet auf euren Schulwegen nie Probleme mit riesigen Wassergräben oder übergroßem Meeresgetier? Nun. Um ehrlich zu sein, ich auch nicht. Aber der Schulweg von Umihara Kawase (so der Name des süßen kleinen Mädels, dem das hier vorgestellte Spiel seinen Titel zu verdanken hat) gestaltet sich genau so. Könnte man zumindest vermuten, denn die Story hinter dem Ganzen ist in etwa so unbekannt wie das Spiel selbst. Eines weiß ich aber mit Sicherheit: Umihara Kawase ist eines der kuriosesten Spiele auf dem Super Famicom.

umihara_kawase_shun_jap.009png_thumbDie kleine Umi ist also auf dem Heimweg. Dies ist zumindest meine Interpretation von dem, was sich auf dem Bildschirm abspielt. Obwohl der Spieler eigentlich gar keine Ahnaltspunkte erhält, was überhaupt los ist. Ohne ein Intro oder etwas dergleichen beginnt das Spiel. Zunächst lässt das Leveldesign vermuten, dass der Spieler es mit einem handelsüblichen Jump 'n Run zu tun bekommt. Da sind Plattformen - manche fest, andere schwebend - und Abgründe, Leitern und Stachelgruben. Das Ziel ist reichlich simpel: Die Protagonistin muss sich vom Levelanfang zum Levelende durchschlagen, doch der rettende Ausgang liegt stets in weiter Ferne und es bedarf Umihara’s ganzem Geschick, mit ihrem Angeldingsda die doch sehr fordernden Hüpf- und Kletterpassagen zu meistern. Wer jedoch unüberlegt drauf los hüpft, begeht einen schweren Fehler. Umis Enterhaken ist nicht etwa ein lustiges Gimmick, sondern das zentrale Feature des Gameplays. Nur mit ihm könnt ihr euch durch die verschiedensten Blockgebilde hangeln um den rettenden Ausgang erreichen. Doch glaubt nicht, dass die von euch geöffnete Tür stets die richtige Wahl ist.

umihara_kawase_shun_jap.228png_thumbSo beinhalten viele Level nicht nur eine, nein, sondern bis zu drei Türen. Siebenundfünfzig Level warten in Umihara Kawase darauf, von euch erkundet zu werden, und jede Tür bringt euch unterschiedlich weit im Spielgeschehen voran. Es kann vorkommen, dass ihr nur einen Level, oder aber auch fünf oder gar zehn Level voranschreitet. Einen verlässlichen Indikator, welche Tür euch wie weit bringt, gibt es  nicht. Somit ist Auswendiglernen angesagt, insbesondere dann, wenn man alle Bosse besiegen und sämtliche Level erkunden möchte. Aber auch, wenn ihr einfach nur die Credits sehen möchtet, stellt euch dieses Spiel auf eine Geduldsprobe. Grund dafür ist die Physik der Angel. Ja, "Physik". Während Umihara (buchstäblich) irgendwo abhängt, kann sie ihren Greifhaken ein- oder ausfahren, in alle Richtungen schwingen oder sogar die Schnur spannen, um anschließend - einem Bungeeseil gleich - durch die Luft zu sausen. Dabei sind präzises Timing sowie blitzschnelle Reaktionen, vor allem aber Übung, Übung und nochmals Übung gefragt. Bis man die kurios-komplexe Steuerung dieser "Angel" begriffen (oder Gott behüte, gemeistert) hat, vergeht viel Zeit.

umihara_kawase_shun_jap.429png_thumbIn die Quere kommt euch dazu noch der hoch angesiedelte Schwierigkeitsgrad. So ist die Beherrschung der Angel eine Sache. Schießende und meist im ungünstigsten Zeitpunkt spawnende, tja, äh... Fische hingegen schon eine ganz andere. Es passiert nicht selten, dass ihr an einem Vorsprung hängt und euch hochziehen wollt und dabei in ein gerade spawnendes Grätenvieh schleudert. Grundsätzlich gilt: Umihara hat keine Lebensanzeige, sondern wird bei einmaliger Berührung mit einem Gegner direkt besiegt. Trifft euch hingegen ein gegnerisches Projektil, so wird Umi im besten Falle nur betäubt. Dummerweise taumelt sie dann aber auch für fünf Sekunden umher und fällt dabei, der vielen Abgründe wegen, meist gen Wasser. Zu allem Überfluss hat jedes Level ein Zeitlimit von ca. fünf Minuten. Ist dies in den ersten Levels noch ausreichend, kommt ihr mit zunehmendem Fortschritt immer mehr in Zeitnot. Ach ja, damit dann das Frustbarometer engültig gesprengt wird, hat das Spiel weder eine Speicher- noch eine Passwortfunktion. Bei 57 Fields (so heißen hier die Level) könnte der ein oder andere doch das Pad gegen die Wand werfen.

umihara_kawase_shun_jap.492png_thumbNun mag das alles gewiss klingen, als wollte ich das Spiel verreißen, wo ich doch eigentlich genau das Gegenteil beabsichtige. Umihara Kawase ist in meinen Augen ein grandioses Spiel. Wer es nie gespielt hat, wird nur schwer verstehen können weshalb, denn die negativen Aspekte sind mehr als nur offenkundig. Zu den guten Seiten gehört gewiss nicht unbedingt die Grafik, da sie sich meist aus merkwürdig texturierten Blöcken zusammensetzt. Als Hintergründe fungieren diese ewig grauen Naturfotos, meist Flüsse oder Seen, und das passt optisch nun beim besten Willen nicht ins Bild. Lediglich Umihara und ihre Gegner sind recht hübsch und detailreich animiert. Ein weiteres "Thema für sich" ist die Musik. Zu Anfang klingt sie wirklich grandios, die wenigen Stücke sind allesamt solche Ohrwürmer, dass man zum Mitpfeifen gezwungen wird. Einige Experten bei Snesfreaks.com halten diesen Soundtrack sogar für den besten den die Konsole je gesehen hat. Bei mir war es allerdings anders. Scheitern gehört zu Umihara Kawase einfach dazu, und nichts ist bei steigender Frustration schlimmer als dieses sich endlos wiederholende, hämisch-fröhliche Kindergartengedudel.

umihara_kawase_shun_jap.197png_thumbDoch noch immer sagte ich nicht, warum ich das Spiel für grandios halte. Das Gameplay ist knifflig, die Gegner spawnen manchmal unfair, die Musik möchte mich verspotten, die Grafik ist kein Knüller, ich darf meinen mühevoll errungenen Fortschritt nicht Speichern, auch Passwörter bekomme ich keine. Warum also gefällt mir das Spiel so gut? Geschicklichkeitsspiele gibt es immerhin wie Sand am Meer und auch wenn ich all diesen sinnlos agressiven Karpfen, Kraken, Aalen und Kaulquappen die gewisse Prise Originalität nicht absprechen möchte, so macht Charme allein noch lange kein gutes Spiel aus. Am Ende ist es wohl schlicht die Art Gameplay, die es in dieser Form wohl kein zweites Mal auf dem SNES gibt. Schon verblüffend, wiev viel sich aus einem einzigen Feature wie diesem dämlichen Enterhaken machen lässt. Irgendwie überträgt sich die Dynamik der Steuerung vom Pad in die eigenen Finger und so frustrierend das Spiel auch sein mag, ich verspürte stets den Drang, weitermachen zu müssen. Also startete ich den nächsten Durchgang. Wie hypnotisiert und mit dem zwanghaften Wunsch,  es diesen beknackten Fischen endlich zu geben.

Vielleicht fühlt sich der ein oder andere von euch nun dazu aufgefordert, sich Umihara Kawase kaufen zu müssen. Euch sei gesagt, Umihara Kawase erschien nur in Japan und in einer recht geringen Stückzahl. Eine Sprachbarriere müsst ihr allerdings nicht fürchten, von den Credits mal abgesehen findet sich im ganzen Spiel nicht ein einziger Fetzen Text. Für manch einen dürfte jedoch der Preis eine entscheidende Rolle spielen. Im einschlägig bekannten Auktionshaus liegt er für ein komplettes Exemplar selten unter 80€. Auch japanische Seiten fahren momentan den Trend, das Spiel zu Höchstpreisen verkaufen zu müssen. Aber so ist das eben mit Umihara Kawase. Nichts ist leicht bei diesem Spiel. Weder das Spiel selbst, noch dessen Beschaffung.

Fazit des Autors - StormfatherUmihara Kawase ist schwer. Es ist teils unfair. Es sieht nicht schön aus und die Musik ist möchte mich verspotten und mir mein Unvermögen stets aufs Butterbrot schmieren. Trotzdem ist dieses Spiel weit oben in meiner Favoritenliste. Ob es nun mein masochistisches Ich ist, welches dieses Spiel so mag oder nicht sei dahingestellt. Wichtig ist nur, dass jeder SNES-Fan einmal Umihara Kawase gespielt haben soll. Ich bleibe wohl auf ewig ein Fan.

Zu Umihara Kawase könnt ihr in unserem Forum mitdiskutieren!