Donnerstag, 28 April 2011 10:45

J.R.R Tolkien's The Lord of the Rings: Volume 1

Written by Moi-Même

bewertungskasten_LotR_mit_ChibiJRR_Tolkiens_The_Lord_of_the_Rings_-_Volume_1.005png_thumbEigentlich keine schlechte Idee: Man sucht sich ne vielversprechende Lizenz, würgt mit etwas Kühnheit die letzte Softwarekotze hoch und schaut anschließend händereibend zu, wie ein bloßer Titel à la "Lord of the Rings" im Alleingang das restliche Marketing besorgt. Funktioniert bis heute ganz wunderbar. Das Tolkien'sche Fantasy-Universum wälzt sich unaufhaltbar durch die Videospielindustrie und so manche Umsetzung wirkt bisweilen wie der Versuch, einer toten Kuh Frischmilch abzumelken. Die Kuh ist aber nicht erst seit gestern tot. Sie ist es schon seit 1995.

Um genau zu sein seit jenem finsteren Tage, an dem sich ein Spiel mit dem epischen Namen "J.R.R. Tolkien's The Lord of the Rings: Volume 1" in unsere Kaufhäuser schlich. Ja, es gab tatsächlich eine Zeit *vor* Peter Jacksons Kino-Trilogie. Und ja, auch damals gab es schon Herr der Ringe-Spiele. Sogar auf dem SNES!! Der Untertitel "Volume 1" ist allerdings leicht überoptimistisch gewählt. Es gibt nämlich bloß eines. Dieses nämlich. Nicht zwei. Auch nicht drei, wie die Romanvorlage vermuten ließe. Die Gründe hierfür sind jedem klar, der schonmal das zweifelhafte Vergnügen hatte, mit diesem Spiel Bekanntschaft zu machen.

JRR_Tolkiens_The_Lord_of_the_Rings_-_Volume_1.000png_thumbMit dem Stoff des Herrn der Ringe wagt sich Interplay an eine absolut monumentale Geschichte heran. Was läge da näher, als ein Rollenspiel zu entwickeln? Na klar. Nur Geschichten erzählen, das können die Jungs offenbar nicht. Noch nicht einmal längst erzählte. Der Plot dürfte so langsam wirklich jedem klar sein, daher erübrigt sich an dieser Stelle eine Inhaltsangabe. Sogar in doppelter Hinsicht, denn wer die Handlung um Frodo, Gandalf, Sauron und co immer noch nicht kennt, ändert mit diesem RPG-Krüppel nicht einmal etwas daran. Zum einen, weil LotR: Volume 1 lediglich den ersten Band behandelt - und auch diesen bloß bis zum Kampf gegen den Balrog - und zum anderen, weil das Spiel zu neunzig Prozent aus stupider Hack & Slay-Kost besteht. Das ist ja im Prinzip nichts schlimmes, aber wenn Tolkiens Lebenswerk bis zur Unkenntlichkeit entschlackt wird, wenn selbst einzelne NPCs mehr Text auf den Bildschirm bringen als sämtliche Protagonisten zusammen, dann sollte man sich doch eventuell ernsthaft fragen, ob das dem Anspruch des Rollenspielgenres noch gerecht wird. Von der (total vergewaltigten) Lizenz ganz zu schweigen...

JRR_Tolkiens_The_Lord_of_the_Rings_-_Volume_1.109png_thumbJ.R.R Tolkien's The Lord of the Rings: Volume 1 fehlt es schlicht und ergreifend an einer klaren Richtung - genau wie seinen Helden, die bei ihrer ziellosen Suche die meiste Zeit nicht wissen, wo sie hin sollen. Getreu den Prinzipien der Action-RPGs wird direkt auf der Oberwelt gekämpft, ohne lästigen Kampfbildschirm und ohne irritierende Menüs. Dafür mit einer künstlichen Intelligenz die in Punkto Dummheit wahrlich noch ihren Meister sucht. Schlimmstenfalls besteht die Gemeinschaft des Rings aus acht Streitern (Boromir ist gerade auf Kur....) und besagte Hirnkrüppel lassen euch bei jeder Gelegenheit im Stich. Sie laufen euch einfach davon. Einfach so! So nach dem Motto: "Mhnya, ich geh mal hier lang und krepier dann gepflegt". Nur einen einzigen Charakter könnt ihr steuern, die restlichen übernimmt der Computer. Hin- und her schalten is auch nich. Damit die Deppen Mordor nicht im Westen suchen, könnt ihr den Computer per Druck auf den R-Button dazu zwingen eure Bewegung zu immitieren, mit der Folge, dass die halbe Gruppe irgendwo hängen bleibt und im Off verschwindet. Ehrlich, da fängt man nach kürzester Zeit an, auszurasten.

JRR_Tolkiens_The_Lord_of_the_Rings_-_Volume_1.296png_thumbVor allem, weil sich das Gameplay dadurch selbst an den Rand der Unspielbarkeit drängt. Kaum hat einer eurer Mitstreiter einen Höhlentroll gesichtet, kommen in ihm die Heldengene durch und er stürzt sich in ein Himmelfahrtskommando. Gelingt es euch nicht ihn zeitnah einzuholen, geht er mit ziemlicher Sicherheit drauf. Was etwas unpässlich ist, möchte ich meinen, da das Spiel jegliche Heil- oder Wiederbelebungsmethoden  gänzlich vermissen lässt. LotR kennt keine Zauber, keine Inns, keine Tränke oder Läden, in denen man welche kaufen könnte.  Zwar wächst gelegentlich ein Pilzchen am Straßenrand, den man als geneigter Hobbit ja prinzipiell verspeisen könnte; im Inventar kann die Gruppe davon allerdings zu jeder Zeit maximal einen Tragen. Die Folge: Charaktere gehen unwiederbringlich verloren. Futsch. Ätsch. Neuladen? Nöö, das Spiel hat keine Speicherfunktion - dafür aber eine (sechzigstellige!!!!) Passwortfunktion, mittels derer ihr einen "Spielstand" rekonstruieren könnt. Mit dem Ergebnis allerdings, dass hinterher die Hälfte aller Quests verbuggt sind. Die beste Lösung ist, eure Mitstreiter direkt umzubringen. Dann habt ihr wenigstens Spielfluss...

JRR_Tolkiens_The_Lord_of_the_Rings_-_Volume_1.291png_thumbVorausgesetzt ihr habt euch noch nicht verlaufen. Das mit Abstand schlimmste an LotR sind die Dungeons und das ist gar kein gutes Zeichen, denn das Spiel ist im Prinzip ein einziger Dungeoncrawler. Es gibt zwar nur drei Stück, allein die Minen von Moria füllen aber gefühlte 80% der Spielzeit. Die Dungeons sind eng, dunkel und extrem verwinkelt, was der Wegfindung einer gewissen, an dieser Stelle bereits hinlänglich geprügelten KI nicht gerade zum Vorteil gereicht. Zu allem Überfluss sind die Dungeons riesig. Nein, gewaltig. Ich kann gar nicht in Worte fassen, wie überdimensional gigantisch die Dungeons in LotR  sind. Das Problem: Sie bestehen größtenteils aus Endlosschleifen identischer Raumtypen und eine Karte habt ihr nicht. Die Dungeons sind sogar dermaßen verwirrend, dass ich glatt behaupten will, man könne sie ohne Walkthrough überhaupt nicht durchspielen. Das liegt daran, dass es trotz ihrer labyrinthhaften Struktur stets nur eine vorgegebene Route gibt: Fehlt euch für eine bestimmte Tür beispielsweise noch ein Schlüssel, tauchen andere Keyitems gar nicht erst auf. Und wenn doch, stürzt das Spiel einfach ab.

JRR_Tolkiens_The_Lord_of_the_Rings_-_Volume_1.087png_thumbProbleme, die ein völlig frustresistenter Spieler womöglich sogar noch entschuldigen könnte, wenn denn wenigstens irgendein Aspekt des Gameplays stimmt. Nicht vergessen, wir reden von einem Action-RPG und als solches steht und fällt LotR logischerweise mit seinem Kampfsystem. Nun, dieses Spiel ist in etwa so actionlastig wie Mario Paint. Der Vergleich ist gar nicht so weit hergeholt, denn man kann sich tatsächlich mit der SNES Maus durch die Orkreihen schnetzeln. Mit dem Haken allerdings, dass es trotzdem beim hirnlosen Buttonmashing bleibt: Jeder Charakter verfügt über exakt einen einzigen Angriff sowie einen Abblockmove; bis auf Legolas - der hat doch tatsächlich keines von beidem und ist folgerichtig absolut nutzlos. Wie gesagt: Zauber, Combos oder Specialmoves sucht ihr in LotR vergeblich. Theoretisch aber auch einerlei, die Credits bekommt ihr vermutlich eh nie zu Gesicht: Lediglich Gandalf ist potentiell in der Lage, dem letzten (und einzigen) Bossgegner - dem Balrog - nennenswerten Schaden zuzufügen; stößt aber erst im vorletzten Bildschirm zur Gruppe und das auch noch hoffnungslos unterlevelt. Bock auf Grinden? Stundenlang? So ganz am Ende? Na?

JRR_Tolkiens_The_Lord_of_the_Rings_-_Volume_1.369png_thumbBlieben lediglich ein paar Worte zur Technik offen. Wenn ihr euch zur Fraktion der (erstaunlichweise überwiegend männlichen) Elijah Wood-Groupies zählt, die diesem Review bloß seines Titels wegen auf den Leim gegangen sind, dann erwartet von LotR bitte keinen Wiedererkennungswert. Dieses Spiel basiert NICHT auf den Kino-Filmen - wie denn auch - sondern auf der 78er-Zeichentrickadaption von Ralph Bakshi. Stellt euch schonmal auf penibel getrimmte, kunterbunt blühende Gartenhecken ein. Für SNES Verhältnisse zuweilen durchaus grafisches Mittelmaß, was in Punkto Sound ebenso für die Musik und die immerhin vorhandenen Stöhn- und Brüllgeräusche unserer Helden gilt; letztendlich aber alles nichts was diesem Spiel von meiner Seite aus noch Glanz und Gloria einbringen könnte. Erwähnenswert bleibt allenfalls der Multiplayer-Modus: Per Multitap können bis zu fünf Spieler gleichzeitig durch diese bitgewordene Katastrophe stolpern... Als Kuriosität für das nächste Community-Treffen eventuell noch gerade so ausreichend. Aber macht euch nichts vor. Mir wäre selbst mein Müll für dieses Spiel zu Schade.

Fazit des Autors - Moi-MêmeMax Liebermann, 'n juter oller Berliner, hat einmal den vielzitierten Satz jeprägt: „Ick kann jar nich soville fressen, wie ick kotzen möchte.“ Was besseres fällt mir dazu jetzt auch nicht mehr ein... Wenn irgendetwas in die Flammen des Schicksalsbergs geworfen gehört, dann ist es dieses Spiel. Lord of the Rings ist in jeder  Hinsicht unfertig: Verknappt, verbuggt und versemmelt. Tolkien würde sich im Grabe umdrehen.

 

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