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Mittwoch, 03 November 2010 23:00

E.V.O.: Search for Eden

Written by Moi-Même

bewertungskasten_evoIhr glaubt, die Erde sei eine Scheibe? Der Himmel ist für euch eine mit Sternen behangene Käseglocke und den Gedanken, „vom Affen abzustammen“, findet ihr gottlos? Den Papst wird‘s freuen, die Spieleschmiede Enix weniger. Bei E.V.O. - wer hätt‘s für möglich gehalten - geht es um Evolution. Wer Darwin für einen Schwätzer hält, den fordere ich auf diese Seite umgehend zu schließen. Alle anderen seien herzlich eingeladen, mit mir einen Blick auf diese eigentümlich faszinierende 16-Bit Prähistorie zu werfen.

E.V.O._-_Search_for_Eden_USA.109png_thumbDer Evolutionstheoretische Merksatz „Survival of the fittest“ bringt zweierlei Dinge präzise auf den Punkt. Erstens eine ganze Wissenschaft und zweitens dieses eher unbekannte Action-RPG. E.V.O. ist wie die Erde selbst: Kreativ-verspielte Schöpferkraft trifft unbarmherzige Auslese! Beide Faktoren begründen und beschützen das natürliche Gleichgewicht der Erde und die geringste Störung ihres Kräfteverhältnisses reichte aus um alles Leben auf dem Planeten ins Chaos zu 
stürzen. Ein Szenario welches der Planet mit allen Mitteln verhindern will. Ja, richtig gelesen. E.V.O.‘s Schauplatz, der Planet Gaia, ist (entgegen der Lehrmeinung) ein eigenständiges Wesen. Ein recht intelligentes sogar, hat Gaia doch eine ziemlich präzise Vorstellung davon was einmal aus ihrer Ursuppe herauskriechen soll. Leider baut die Evolution von Zeit zu Zeit auch mal gehörig Murks, daher hat Gaia ein ganz besonderes As im Ärmel. Ihre schöpferische Rückversicherung, 
wenn man so will: Euch, den Spieler. Damit alles Leben auf der Welt Vollkommenheit erreichen kann, müsst ihr - als lebendige Betaversion quasi - allerlei vermögende und unvermögende Wahnwitzigkeiten genetischer Innovation am eigenen Leibe auf Tauglichkeit testen. Seid ihr erfolgreich, so wird euch die Ehre zuteil als Gaias Partner auf ewig im Garten Eden leben zu dürfen.

E.V.O._-_Search_for_Eden_USA.112png_thumbGanz gleich in welchem Zeitalter (a.k.a Level) ihr euer Dasein fristet, stets tobt ein grausamer Kampf aller Lebensformen um die günstigste ökologische Nische. Unter den Pflanzen machen sich Gerüchte breit, denen zufolge Haie ihren Sauerstoff atmenden Artverwandten den Evolutionsschritt zum Landgang streitig machen. In den feucht-warmen Tropenwäldern der jungen Erdoberfläche kämpfen eine Ära später bereits gigantische Insekten mit Reptilien um die Vorherrschaft. Auf dem
 Zeitstrahl abermals einige Jahrmillionen vorangeschritten bricht das Zeitalter der Warmblüter an, und wie von Anbeginn der Zeit seid *ihr* mitten drin.

 „Klasse!“ werdet ihr sagen. „Endlich mal richtig Gott spielen“. Falsch gedacht. E.V.O. ist schließlich keine Simulation, sondern ein Action Titel! Den Kampf natürlicher Auslese steuert ihr nicht, ihr bestreitet ihn vielmehr. Einerseits seid ihr zwar ein höheres Wesen, von Gaia zur vollkommenen Lebensform bestimmt. Andererseits seid ihr aber auch stets Bewohner eines Ökosystems, und müsst euch als solches den gegebenen Naturgesetzen eurer Umwelt beugen. Einziges Privileg eures Daseins ist die Fähigkeit, euch die Regeln der Evolution nutzbar zu machen, um zu entscheiden, wann und wie ihr eure sterbliche Hülle zur nächst höheren Lebensform weiterentwickelt.

E.V.O._-_Search_for_Eden_USA.000png_thumbJede Ära (die einzelnen Oberwelten, ähnlich derer in Super Mario World) beginnt ihr als niedriges Glied der Nahrungskette. Voller Angst und gejagt von allerlei Biestern hängt euer Überleben in den einzelnen Sidescrolling-Leveln davon ab, wie geschickt ihr Fressfeinden ausweicht und selbst Beute schlagt. Nachdem euch Gaia direkt zu Spielbeginn eine Einweisung in die Grundregeln der Naturgesetze gegeben hat, schmeißt sie euch ins kalte Wasser. Das ist wortwörtlich gemeint, denn das Spiel beginnt ihr als Fisch. Beiläufig wird euch noch mitgeteilt, dass die Entwicklung eures Körpers Jahrmillionen in Anspruch genommen hat. Dann lautet die Devise auch sogleich: Fressen, fressen und nochmals fressen. Die Kadaver und Überreste jener bedauernswerten Wesen, die ihr zu erlegen in der Lage seid, werfen „Evolution Points“ ab, mit denen ihr eure Extremitäten in RPG ähnlicher Manier ausbilden und weiterentwickeln dürft. Größere Flossen zur rascheren Fortbewegung, ein stärkerer Kiefer, ein längerer Schwanz für präzisere Sprünge oder ein Horn, um 
Angreifer aufzuspießen. Ziel eines jeden Zeitalters ist stets, das Biom zu dominieren und schließlich einem Endboss den obersten Rang in der Nahrungskette abzukämpfen.

E.V.O._-_Search_for_Eden_USA.102png_thumbWie läuft das ab? Nun. Während ihrer stetigen Anpassung an die jeweiligen Lebensbedingungen nimmt eure Kreatur die Form vieler - zuweilen skurriler - Hybriden an. Je nach dem mit welchem Schabernack ihr euren Körper aufrüstet, verbessern sich Statuswerte wie Geschwindigkeit, HP, Angriffs- und Widerstandskraft. Aufgepasst! Bedächtige Planung ist hier von entscheidender Bedeutung: Was Darwin bereits um 1880 wusste, hat Enix 1992 nicht vergessen. Mutation ist
 nicht zwangsläufig eine gute Sache. Wie in der Natur kann sie auch in E.V.O. tödlich sein! Wer blind ins Blaue drauf los mutiert, wird sich bald nicht nur vor seinem eigenen Spiegelbild fürchten. Auch den Schwierigkeitsgrad könnt ihr euch leicht zum Feind machen, legt ihr euch nicht zeitig ein Grundgerüst für eure Kreatur zurecht. Jede Weiterentwicklung verbessert bestimmte Fähigkeiten nämlich auf Kosten einer jeweils anderen: Fliegenden Kreaturen braucht man keine muskulösen Beine an den Leib kleben, dadurch würden sie langsamer. Eher humanoide Spielfiguren nutzen 
Werkzeuge und werden euch wenig Vorteile bieten, wenn ihr ihnen ein Horn in die Visage skillt. Habt ihr euch einmal vertan hilft nur noch Neuladen, bzw. eine bewusste, wenig wissenschaftskonforme Rückentwicklung auf Kosten eurer EP. Um dem ganzen einen praktikablen Rahmen zu setzen verlangt euch E.V.O. gelegentlich eine Grundsatzentscheidung ab, welche festlegt ob aus euch ein Flieger, ein Reptil, irgendein perverses Monster oder aber das wohl 
außergewöhnlichste Säugetier überhaupt wird: Ein Steinzeitmensch.

E.V.O._-_Search_for_Eden_USA.106png_thumbBis hier hin müsste euch aufgefallen sein, E.V.O. kommt mit einer höchst interessanten, einzigartigen Grundidee daher. Das Evolutionsfeature trägt einen spannenden und motivierenden Beitrag zum Spielspaß bei, das Gameplay dieses potentiellen Meisterwerkes offenbart leider Gottes aber auch gravierende Mängel. 

Das ist jetzt vielleicht eher unerheblich, vorweg aber ein Logikpatzer. habt ihr euch durch ein Zeitalter gekratzt, getreten oder gebissen (99% aller Angriffe sind Bisse, das trifft sogar auf Mammuts und knüppeltragende Affen zu), verwandelt Gaia euch in einem Akt durchgeistigter Schöpfungsekstase zu Beginn einer jeden Epoche vergnügt in irgendeinen Schwächling. Das steht nicht nur im Widerspruch zur Spielermotivation, denn nicht selten verliert ihr dabei ein paar liebgewonnene Mutationen. Auch Darwin käme sich ziemlich missverstanden dabei vor.

Dann sind da noch die beiden wohl frustrierendsten Aspekte dieses Spieles. Steuerung und Trefferkalkulation. Das bloße Berühren eines Gegners fügt euch Schaden zu. Große Viecher rennen oftmals ,durch euch hindurch‘, worin die Kollisionsabfrage gleich mehrere Treffer sieht, und woraufhin euch der betreffende Übeltäter meist noch einen fatalen Angriff von hinten rein drückt. Ist sie erst einmal in der Mangel, so stirbt eure Kreatur meist bevor ihr überhaupt wieder die Kontrolle 
erlangt. In ähnlich kritische Situationen bringt euch die Steuerung oftmals, wenn ihr mittels der Sprintfunktion gegen eine Wand rennt Ein solcher Aufprall lähmt nämlich für etwa drei Sekunden und macht euch zur schnellen Beute für allerlei Fressfeinde. Warum ich bezüglich E.V.O.s Steuerung so pingelig bin? Einzig und allein deshalb, weil sie grob überschlagen 
die Hälfte des dürftig ausbalancierten Schwierigkeitsgrades ausmacht. Man nennt so etwas nun einmal schlechtes Gameplay, und das sollte nicht sein.

E.V.O._-_Search_for_Eden_USA.059png_thumbGrafisch haut E.V.O. mich nicht unbedingt aus dem Sattel. Die Grafik ist weder umwerfend noch schlecht, die Möglichkeiten des SNES sind passabel ausgenutzt worden. E.V.O.s comichafter Stil ist farbenfroh umgesetzt, die skillbaren Bausteine eurer Kreatur sind authentisch zusammengesetzt. Selbst die wirresten Chimären wirken irgendwie immer noch geschickt visualisiert. Die Levelhintergründe täuschen ihre Bildtiefe ganz ordentlich vor, der Vordergrund 
findet eine ausgewogene Balance zwischen Detailreichtum und pragmatischer Ansicht. Alles kein visueller Triumph, groß zu beanstanden gibt‘s dennoch wenig.

Hmmm. E.V.O.s Sound ist in meinen Augen ein weiterer, kleiner Dämpfer. Ich vergebe zwei Punkte für die Vielzahl der Instrumente, die in E.V.O.s akustischem Repertoire Anwendung fanden, trotz mittelmäßiger Tonqualität. Drei weitere seien dem Komponisten für einige wenige, wirklich stimmungsvolle Stücke eingeräumt. Größtenteils ist die Musik dieses Spieles jedoch schleppend, geistlos, gebetsmühlenartig-repetierend und zuweilen nervtötend. Auf den Spielspaß schlägt das ganz besonders, wenn man zum Sammeln der nötigen Evolution Points längst bekannte Gebiete durchstreift. Alle Soundeffekte klingen irgendwie als wären sie in einer Blechdose am Grund eines Brunnens aufgenommen worden. Am besten kommt E.V.O.s Soundtrack rüber, wenn ihr den Ton eures Fernsehers ausschaltet.

Fazit des Autors - Moi-Même Wer E.V.O. zum ersten Mal spielt, dem bietet sich eine unglaublich motivierende Vielzahl an möglichen Kreaturen. Die feixend grinsende Visage eures Viechs kann so viele Formen annehmen wie es auf Gaias Erde Gegner gibt, und abgesehen von der Tatsache, dass ihr eine erbarmungslose, grausame Killermaschine seid, ist E.V.O. durchweg ein furchtbar niedliches Spiel zum Schmunzeln. Dieses Spiel bietet einige originelle Storyevents, diverse Epochen mit vielen Leveln, eine annehmbare Spieldauer von circa 10-15 Stunden und schließlich dank des komplexen Evolutionssystems eine starke Spielereinbindung sowie einen hohen Wiederspielwert. Vieles was E.V.O. aufgreift habe *ich* in der Schule anders gelernt, und ja, technisch gesprochen hat dieses Spiel seine Fehler. In punkto Spielspaß versagt es in meinen Augen aber keinesfalls, denn dies ist eines jener wenigen Spiele die einen durch ihre Originalität ermutigen, Gameplaymängel anzunehmen und zu entschuldigen. Ein Spiel über Urzeitevolution ist einfach viel zu cool 
um schlecht zu sein. ;)