Sonntag, 24 Oktober 2010 09:47

Terranigma

Written by Moi-Même

bewertungskasten_TerranigmaTerranigma_4png_thumbWer vielleicht mal das eine oder andere Review des Rezensenten gelesen hat, dem wird sicherlich aufgefallen sein, dass er sich bereits an mehreren Stellen dazu bekannt hat, ein echter RPG Fanatiker zu sein. Häufig trug ChronoMoogle, mein Bruder im Geiste und Seelenpartner, mir mit Nachdruck an, endlich mal Terranigma zu spielen! Da Mensch aber in aller Regel nichts Eiligeres zu tun hat, als dem Gegenteil eines guten Rates zu folgen, habe ich diese beispiellose Perle stets ignoriert. Fehler! Moogle: Dieses Review sei dir gewidmet und ich hoffe inständig, dich damit nicht deiner eigenen Lobeshymnen zu berauben.

Wo fange ich bloß am besten an. Hat euch jemals ein Spiel derart fasziniert, dass ihr richtig Angst hattet, es zu Ende zu bringen? ...Es plötzlich einfach durch zu haben? So ein Spiel ist Terranigma. Möglicherweise ist es das beste Spiel, welches Enix jemals auf den Markt gebracht hat. Höchst wahrscheinlich ist es ein formidabler Kandidat für den Thron des besten SNES-RPGs überhaupt. Ganz unzweifelhaft aber haben wir es hier mit einem Titel zu tun, dem schon historisch eine besondere Bedeutung zukommt: Kurz vor Weihnachten 1996 fand Terranigma als letztes großes Terranigma_3png_thumbRollenspiel seinen Weg in die deutschen Kaufhäuser und machte dem drei Monate später veröffentlichten N64 schon mal eindrucksvoll klar, dass selbst eine 3D-fähige Konsole sich die Krone erst noch verdienen muss. Mit Terranigma dankte das SNES uns unsere Treue, verabschiedete sich gebührend und trat mit einer Würde zurück, die unsere respektvollste Anerkennung verdient. Dass mir das erst heute auffällt, beschämt mich ganz furchtbar. Ich könnte im Boden versinken...

...Und fände mich dann wohl in der Unterwelt wieder. Mit etwas Pech in einem Lavasee, mit etwas Glück im Dörfchen Krysta. Ja, unter der steinernen Decke der Erdoberfläche leben tatsächlich Menschen. Deren Nervenkostüm ist es nicht immer zuträglich, dass ein heranwachsender Lausbub Namens Ark gelegentlich seinen schelmischen Umtrieben  freien Lauf lässt. Eines Tages treibt er‘s auf die Spitze und findet hinter einer strengstens verbotenen Türe so etwas wie die Büchse der Pandora. Muss er natürlich unbedingt öffnen, der Depp. Darin befindlich ist zwar nicht das Weltende; das hat längst stattgefunden. Stattdessen erstarren vielmehr augenblicklich sämtliche Einwohner Krystas  zu Eis! Zum Malheur quasi gratis dazu brummt sich unserem Protagonisten ferner Fluffy auf, ein pinkes, plüschiges, fliegendes Etwas das bisher in besagter Büchse wohnhaft war. Gemeinsam geht‘s auf eine tiefgründige und epische Reise. Klar, die Welt retten halt. „Muss ja“, mögt ihr denken. „Woher sonst soll ein RPG schon seinen Plot nehmen“. Ich darf jedoch versichern, dass Terranigma für damalige Verhältnisse eine ungekannte Storytiefe serviert! Denn nicht nur hinsichtlich seines Heimatdorfes gilt es für Ark, ein paar Missgeschicke geradezubiegen: Vor allem überirdisch ist grad ordentlich Land unter, sämtliche Kontinente der uns bekannten Erde sind einfach mal in den Ozeanen versunken! Nach und Terranigma_8png_thumbnach führen wir das abgesoffene Festland also wieder der Oberfläche zu. Wir besiedeln es neu, mit Tieren und Menschen, begleiten die Völker gar bis in die Neuzeit hinein. Dabei konfrontiert uns das Spiel gar nicht selten mit (eher SNES-untypischen) Subquests sowie gravierenden Entscheidungen, die sich direkt auf die Spielwelt selbst auswirken! Ein anständig ausgeführtes Konzept, wie jeder unschwer einsehen wird. Und trotzdem muss erwähnt werden, dass alles bis hierhin geschilderte bloß ein zaghaftes Kratzen an der Oberfläche einer unsagbar grandiosen RPG Inszenierung war. Ihr müsst mir diese flapsig-nebulösen Worte bitte verzeihen: Terranigmas Story ist genial. So genial, dass ich sie am besten schildere, indem ich sie mit der Handlung eines Final Fantasy 6 auf gleiche Stufe stelle. Zwar könnte ich noch seitenlang Arks perfekte Charakterentwicklung besingen, seine lustigen Dialoge, die Emotionalität oder die absolute Unvorhersehbarkeit dieser Story. Niemals aber würden Worte dem Ausmaß ihrer Perfektion gerecht und selbst wenn, so bliebe Terranigmas Handlung gleichwohl eine Erfahrung, die jeder Spieler einfach selbst machen muss.

Terranigma_7png_thumbWenn wir schon von Erfahrungen reden: Erfahrungsgemäß brüllt jeder Narr, der das Wörtchen „Terranigma“ vor den Kopf geknallt bekommt, über kurz oder lang auch Namen wie „Illusion of Time“ und „Soul Blazer“. Ursächlich hierfür ist wohl die herrschende Meinung, die in diesen Titeln eine inoffizielle Trilogie zu erkennen glaubt. Zwar hat sich dieses Gerücht bis heute während meiner INTENSIVEN RECHERCHEN immer noch nicht plausibel verhärtet. Davon mal abgesehen sei die Zusammengehörigkeit der drei Titel im Folgenden aber unterstellt, denn sie illustriert ganz wundervoll, worauf ihr euch bei Terranigma in spielerischer Hinsicht einzustellen habt: Zu tun haben wir‘s mit einem Action-RPG, und zwar mit einem deutlich besseren als beide „Vorgänger“ zusammen! Da sich allerdings ebendiese ihrerseits im Hinblick auf das Gameplay einer gewissen Popularität erfreuen, fühle ich mich genötigt, meine gewagte Behauptung etwas zu konkretisieren.

Zunächst bin ich sehr dankbar dafür, dass Terranigma zu ein paar traditionellen Rollenspielwerten zurückgefunden hat. Am unerträglichsten war für mich nämlich sowohl im Fall von Illusion of Time als auch von Soul Blazer das Levelsystem. ...Aber warum überhaupt einzelne Level?? „Stages“ nannten sich diese Katastrophen und beide Spiele haben sich ganz vorbildlich von ihnen wie die Wurst in den Schweinedarm pressen lassen. Es möge mich Fluffy beißen, wenn den meisten Spielern eine zünftige Weltkarte nicht lieber gewesen wäre! Bei Terranigma erlaubten sich die netten Entwickler von Enix diese Extravaganz schließlich doch noch und befreiten das Spiel endlich von einem Großteil der Linearität seiner Vorgänger. Jedem Kenner dieser beiden „Sequels“ wird ferner das Fehlen jeglicher Einkommensmöglichkeiten in Erinnerung geblieben sein. Alles was man sich nur wünschen konnte lag entweder zufällig auf der Straße oder wurde einem von irgendeinem NPC willig überlassen. Bin das nur ich oder gehört zu einem RPG nicht auch, dass man die Leichen besiegter Gegner nach Klimper durchfilzt? Da fällt mir ein - bei Illusion of Time gab es nichtmal Erfahrungspunkte. Doch der Mängel nicht genug! PUZZLES gab es in Soul Blazer quasi überhaupt nicht, in Illusion of Time waren sie schlicht zu simpel. Terranigma hat einige davon, zum Teil recht originelle, manches mal gar fordernde, niemals aber unfaire. Ja, Weltkarte, Läden, Erfahrungspunkte, Puzzles. Diese vier Aspekte haben mehr oder weniger einfach jedem RPG immanent zu sein und weil das so ist, gibt es sie in Terranigma eben auch. Danke, Enix, danke!

Terranigma_6png_thumbWer das für belangloses Geschwätz hält, der möge sich von mir Terranigmas Kampfsystem nahebringen lassen. Im Gegensatz zum epileptischen Gehampel eines Soul Blazers ist Ark ein wahrer Waffenkünstler! Das ist mein Ernst, mit seinem Speer geht der Junge ab als hätte man ihm eine Speedinfusion gelegt. Im Mördertempo stößt er in Echtzeit durch seine Gegner hindurch, rennt, grätscht, springt (springt!) und prasselt je nach Tastenkombination erbarmungslos auf alles hernieder was halt gerade so im Wege steht. Wenn ich das richtig in Erinnerung habe, bedient unser Held sich dabei eines Standardangriffs, eines Verteidigungsmoves sowie vier unterschiedlicher Spezialattacken. DIE sind obendrein auch noch ziemlich uneingeschränkt miteinander kombinierbar, so dass Ark größtenteils in Folge eines eher intuitiven Button mashings durch die Gegend fegt wie ein Taifun. Ich weiß, was der ein oder andere nun befürchten wird: Ja, das Kampfsystem kann nach einigen Stunden des Dauerkloppens etwas monoton werden und ja, es ist schon bedauerlich, dass Ark im Laufe seines Abenteuers keine neuen Attacken hinzu erlernt. Auch das Magiesystem, welches streng genommen eigentlich gar keines ist, entbehrt während der Kämpfe aufgrund relativer Zwecklosigkeit eigentlich jeder Daseinsberechtigung. Abgesehen davon gelingt Terranigmas Kampfsystem aber alles, was es erreichen will: Action pur, denn mit Ark über den Bildschirm zu jagen ist einfach vom Anfang bis zum Ende fetzig. ...Und das sagt hier immerhin jemand, der sonst verblendet auf rundenbasierte Zufallskämpfe insistiert...

Terranigma_9png_thumbJetzt ist wohl der Zeitpunkt gekommen, ein paar Worte zur technischen Seite der Medaille zu verlieren. Gewiss lehne ich mich etwas aus dem Fenster, wenn ich Terranigmas Grafik nun zehn Punkte gebe, denn wenn ich hier schon aus dem Vollen schöpfe, was muss ich solchen 48-Bit Vertretern wie Star Ocean und Tales of Phantasia dann erst geben? Ich behaupte: Nicht das technische Potential ist ausschlaggebend, sondern einzig und allein was das Spiel am Ende daraus macht. Ich behaupte ferner, dass Terranigma - mit all seiner akribischen Liebe zu jedem noch so belanglosen Detail - deutlich mehr zu Stande gebracht hat als jedes andere 32-Bit Modul. Da ist so viel Bewegung in den Sprites von Terranigma, alles wirkt irgendwie lebendig und überall entdeckt man kleine Gimmicks. Licht bricht durch die Wolken, Wind und Regen verschleiern mir die Sicht. An den Wänden flackert dynamisch das Licht der Fackeln. Quintet ist es gelungen, wirklich jeden Moment des Spieles in ein eigenes Ambiente zu kleiden und es lässt sich kaum in Worte fassen, wie sehr die allgemeine Spielatmosphäre davon profitiert. Insgesamt einfach ein Erlebnis, das es mir erlaubt, hier ruhigen Gewissens die Höchstwertung zu vergeben.

Unter zehn Punkten darf auch der Sound nicht aus diesem Review rausgehen, denn was Miyoko Kobayashi und Masanori Hikichi unseren Ohren hier servieren, ist für sich allein genommen schon ein Grund, Terranigma zu kaufen. Warum ist Crysta so ein beruhigend friedliches, verschlafenes kleines Idyll? Wegen dem Soundtrack. Wieso stehe ich während der Bosskämpfe so unter Strom? Soundtrack. Was ist rund, flach und kostet heute richtig übel Schotter?! Der Creative Soundtrack natürlich, dämliche Frage. Ob er sein Geld wert ist? Definitiv.

Fazit des Autors - Moi-Même Na, da gehen Action und Story doch endlich mal eine ungekannte Symbiose ein: Selten scheint einem Spiel beides gleichzeitig zu gelingen, im Fall von Terranigma ist ersterer Aspekt der Perfektion recht nahe, letzterer sogar der Inbegriff davon! Die zehn Punkte konnte ich mir dieses mal beim besten Willen nicht verkneifen. Und ich versichere: Wer auf dieses Meisterwerk schimpft, hält mit Sicherheit kein besseres Gegenbeispiel mehr in der Hinterhand. Eines Videospieles wegen geweint habe ich zum ersten mal anlässlich Celes‘ Selbstmordversuch in Final Fantasy 6. Zum zweiten und zum bisher letzten Male passierte es mir beim Abspann von Terranigma. Einerseits, weil ich von diesem Spiel einfach unfassbar überwältigt bin, andererseits weil ich genau weiß, dass vielleicht Jahrzehnte ins Land streichen müssen, bis mir ein Titel dieses Kalibers noch einmal begegnet.