
1994, irgendwo in den Entwicklerstudios von HAL. Ein nicht näher bekannter Programmierer feiert Geburtstag und öffnet nach Büroschluss die Kartons mit den Raki-Flaschen. Die Stimmung ist nach den ersten Aufwärmrunden ganz okay, als die scharfe Brünette vom Empfang aus der übergroßen Geburtstagstorte springt, steigen Testosteron-, Alkohol- und Adrenalinpegel in neue Sphären. Leicht angeschwipst torkelt der Jubilar durch das feiernde Großraumbüro und steuert auf die Tür des Chefs zu. Wo bleibt der denn? Der Kerl verpasst doch die beste Party!
Spontan bilden ein paar Kollegen hinter ihm eine Polonaise, dann stößt das Geburtstagskind die Tür zum Zimmer des Chefs auf und schwenkt dabei jovial die noch halbvolle Pulle Schnaps. "Pati wa subarashiidesu! Suru toki ni wa kite iru?", gröhlt das Geburtstagskind. (Falls der Google Translator mich nicht im Stich lässt: "Die Party ist super! Wann kommen Sie?") Der Chef, von der hereinplatzenden Meute überrascht, steht leicht gebückt mitten im Raum und sieht aus, als habe man ihn gerade aus tiefster Konzentration gerissen.
Um seine Golf-Skills zu verbessern, hatte Monsieur sich entschlossen, das Spielzeug-Grün rauszuholen und noch ein wenig putten zu üben. Von der angesoffenen Baggage aus dem Konzept gebracht, geht sein Versuch allerdings deutlich daneben. Der Ball verschwindet unter dem nächsten Heizkörper. "Zankokuna! Anata wa watashi kara nani ga hoshiidesu ka? Watashi no jama shinaide kudasai!" ("Grausam! Was wollen Sie von mir? Stören Sie mich nicht!") Der feiernde Mob lässt davon nicht beirren, zwei Feierbiester nehmen den Boss in Beschlag und beginnen, ihn erstmal mit ordentlich Hochprozentigem abzufüllen. Währenddessen versucht das Geburtstagskind sich ebenfalls am Übungsgrün und verreißt natürlich erbärmlich. "Zankokuna!" In den nächsten Minuten findet sich die gesamte feiernde Abteilung im Chefbüro ein. Der Boss selbst hat ebenfalls mittlerweile einen gesunden Pegel erreicht und ist damit beschäftigt, die anatomischen Vorzüge seiner Sekretärin genauer unter die Lupe zu nehmen, als einer aus der Gruppe den Golfball plötzlich umgestalten will. "Watashi-tachi wa pinku no boru ni iro o shimashou!" ("Lasst uns den Ball rosa färben!")
Bewaffnet mit ein paar Filzstiften, ist der Ball ruckzuck rosa angemalt und zudem mit einem rudimentären Strichmännchengesicht versehen. "Kirby!", ruft die anatomisch gesegnete Sekretärin des Chefs entzückt und springt auf, was die Griffel ihres nunmehr gründlich intoxikierten Arbeitgebers schlagartig ins Leere greifen lässt. "Kirby?", fragt einer der angesoffenen Programmierer. "Kirby Golf!", jubelt ein weiterer plötzlich und gibt dem Kollegen neben ihm High Five. Im Kollektiv stürmt die besoffene Masse aus dem Chefbüro heraus und fängt wie vom Blitz getroffen sofort an, wild (und motorisch sichtlich eingeschränkt) an den Computern herumzuprogrammieren. Die Stimmung ist super, der Raki fließt weiter und als die Sonne am nächsten Morgen aufgeht, hält einer der Recken das Endprodukt des ausgeuferten Schnapsgelages in der Hand. "Wareware wa sore o tameshite mite!" ('Wir müssen es testen!') Sofort wird erneut ins Chefbüro gestürmt (der nach erfolgreicher Arbeit übrigens gleich unter der Sekretärin eingeschlafen ist) und die Platine mit dem Prototyp ins Super Nintendo gefeuert. Voilá - so, und nicht anders, entstand das Spiel Kirby's Dream Course!
Der oberknuffige rosa Semmelknödel wird in diesem Geschicklichkeitsspiel als eine Mischung aus Bowlingkugel und Golfball missbraucht. Grob gesagt geht es darum, Kirby in das Loch im Boden zu befördern. Dazu kann er in der Isoperspektive vom Spieler gerollt oder geworfen werden, Ihr legt vor jedem Spielzug Höhe und Kraft des Wurfs fest. Auch ein Seitwärts- oder Rückwärtsdrall ist möglich. Habt Ihr Kirby eingelocht, geht es zum nächsten Loch. So absolviert Ihr einen ganzen Parcours. Mit Golf hat das Ganze natürlich nur äußerst eingeschränkt was zu tun. Auf dem Weg vom Abschlagpunkt zum Ziel stellen sich Euch beispielsweise zahlreiche Hindernisse in den Weg. Kirby kann von Wänden zurückgeworfen, Förderbändern getragen, Warpzonen gewarpt oder Sandbunkern gestoppt werden. Allerdings stellt sich Euch auf dem Weg zum Loch auch zahlreiches Feindespack in den Weg. Wenn Kirby während seiner Flugbahn mit speziellen der zahlreichen Gegnertypen kollidiert, verliert er Lebensenergie. Diese wird raki-bedingt in Tomaten dargestellt. Um die angeschlagene Energie wieder aufzufüllen, bekommt Kirby eine Lebensenergietomate gutgeschrieben, wenn er eingelocht wird.
Besiegen kann Kirby das dreckige Gegnervolk durch Berühren. Und das ist auch bitter nötig, denn in jedem Level, der besiegbare Gegner beinhaltet, wird das Loch erst dann angezeigt, wenn wirklich der letzte Fiesling ausgeschaltet wurde. Richtig krass geht es ab, wenn Ihr einen Gegner ausschaltet, dessen Fähigkeiten Ihr übernehmen könnt. Beispielsweise den Reifen. Dann verwandelt sich Kirby auf Knopfdruck in einen Reifen und rast, doof wie ein Lemming, mit einem Affenzahn solange geradeaus, bis ihn eine Wand stoppt. Gibt es keine Wand, brettert der Intelligenzbolzen allerdings geradewegs runter von der Spielfläche und verwirkt sein Leben. Oder der Regenschirm, der, im Fallen aktiviert, es ermöglicht, Kirby punktgenau auf den Boden (vorzugsweise ins Loch) gleiten zu lassen. Und wenn man eine Wasserfläche vor Augen hat, muss man nur vor dem Abtauchen die Eisfähigkeit aktivieren und gleitet über die gefrorene Fläche wie Brett Hull zu besten Zeiten. Diese Spezialfähigkeiten sind wichtig im Spiel, wenn es darum geht, auf den ersten Blick unzugängliche Hindernisse aus dem Weg zu räumen oder unbesiegbare Gegner zu überwältigen. Jahaaa, es wird auch latent taktisch!
Obwohl das Spiel primär vom Einlochen handelt, ist es ganz und gar jugendfrei. Der Billard-Golf-Hybrid ist mit tonnenweise Charme und Kirby-Kitsch ausgestattet. Irgendeine Story gibt es auch, aber die ist sowas von überflüssig, dass sie nun wirklich keiner hören will. Wer also der Meinung ist, dass das eigentliche Spielprinzip bzw. -design kein Nachweis für übermäßigen Alkoholkonsum seitens der Programmierer ist, sieht sich vielleicht angesichts der Grafik eines Besseren belehrt. Die ist nicht schlecht, nicht falsch verstehen - aber hier ist wirklich keine der 32.000 Farben ausgelassen worden. Quietschbunt geht es zu, ein paar witzige Grimassen haben die Sprites auch drauf, so dass die Grafik ihre Zweckmäßigkeit mit ein paar Gimmicks überspielt. Musikalisch gibt's nicht allzuviele Überraschungen, aber immerhin total süße Soundeffekte. Aber auch nicht schlimm: Die Kirby-Remixe sind zeitlos gut und bleiben zeitlos gut! Wer seine Freude über dieses Geschicklichkeitskleinod teilen will, darf gerne einen Passanten auf der Straße überwältigen. Kirby's Dream Course lässt sich wunderbar zu zweit spielen, dabei absolvieren dann beide Spieler nacheinander die Levels.
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