
Equinox ist ein bockschwerer Titel, welcher 1994 exklusiv auf dem Super Nintendo erschienen ist und seitdem wohl viele Spieler in den Wahnsinn getrieben haben dürfte. Es handelt sich hierbei um eine Art Mischung aus Action-Adventure und Puzzle-Game, wobei sich die Features beider Genre in etwa die Waage halten. In Equinox wird außerdem noch gehüpft, und zu einem gewissen Grad auch irgendwie gekämpft; das Spielprinzip ist insgesamt einfach eine echte Überraschung und obwohl Equinox eine Reihe Schwächen hat, gehört es definitiv zu meinen Lieblingsspielen.
Lange Zeit wusste ich nicht, dass Equinox der Nachfolger eines gewissen NES-Spiels namens "Solstice" ist. Erst als ich der japanischen Version dieses Spiels begegnete, welche - wenig überraschend - "Solstice II" heißt, wurde mir der Zusammenhang klar. Heute kenne ich beide Titel, und mir gefällt Equinox um Längen besser. Im Gegensatz zu Solstice hat dieses Game nämlich eine sehr faire Lernkurve. Und das Quäntchen mehr an Action, welches Equinox gegenüber seinem Vorgänger aufweist, tut dem Gameplay ebenfalls sehr gut.
Gleich als erstes fällt auf, dass die Grafik von Equinox in einer isometrischen Perspektive (also von schräg oben) dargestellt wird. Dementsprechend bewegt sich auch die Spielfigur - der Held Glendaar - nicht in die vier Haupthimmelsrichtungen, sondern diagonal. Betätigt man also das Steuerkreuz nach unten, so läuft Glendaar in Wirklichkeit nach süd-westen; drückt man hingegen nach oben, so schreitet er in Richtung nord-osten (und so weiter und so fort). Dies ist die erste Eigenart von vielen, die Equinox so ungewöhnlich machen, und auch ein erster Hinweis darauf, dass dieser Titel vom Spieler ein allgemeines Umdenken verlangt. Auf jener RPG-Oberwelt, auf welcher wir das Spiel beginnen, fällt diese unkonventionelle Steuerung noch nicht so sehr ins Gewicht. Allerdings werden wir uns hier nicht lange aufhalten. Unser Weg führt uns nämlich ohne Umschweife in den ersten Dungeon. Acht Stück gibt es davon an der Zahl, und in diesen Gemäuern werden wir locker 98% der Spielzeit verbringen (diese kann je nach Erfahrung des Spielers unterschiedlich ausfallen, zwischen 5 und 500 Stunden ist ungelogen alles möglich). Hier erwartet uns sogleich der erste echte Schock.
Denn nun kommt Equinox plötzlich mit einer pseudohaften (und noch immer um 45° gedrehten) 3D-Ansicht daher. Der beste Vergleich wäre wohl Q*Bert 3. Die Illusion der räumlichen Tiefe ist dabei wirklich sehr gut gelungen, irritiert den Spieler aber auch sofort völlig. Nicht, weil Glendaar ständig schräg läuft, sondern weil Equinox einen großen Schwerpunkt auf Umweltinteraktion legt. Es gilt, diverse Blöcke zu verschieben, heikle Sprungpassagen zu meistern und herabstürzenden Fallgittern auszuweichen, gern auch mal alles gleichzeitig. Zudem ist fast immer die Gefahr allgegenwärtig, dabei in eine der vielen Stachelfallen zu stolpern. Wäre dies ein normaler 2D-Platformer à la Mario, könnte man damit vielleicht noch einfach klarkommen. Hier aber besteht die Kniffligkeit zusätzlich darin, nicht nur des Rätsels Lösung zu erknobeln, sondern hinterher bei der Umsetzung die Perspektive richtig in den Kopf zu kriegen. Denn Equinox ist ja kein N64-Zelda, bei dem man spontan mal die Kamera schwenken könnte. Hier weiß man nicht, was sich hinter dem nächsten Würfel verbirgt. Eine Falle? Vielleicht der gesuchte Schlüssel? Man tappt im Dunkeln, und findet es durch Trial & Error heraus.
Zu allem Überfluss sind die Dungeons voller Gegner. Diese greifen euch allerdings niemals an, sondern stellen lediglich bewegliche Hindernisse dar. Berührt ihr sie auch nur ein einziges mal, so wird der Raum, in welchem ihr euch momentan befindet, augenblicklich in seinen Ursprungszustand, sowie Glendaar zum letztgenutzten Eingang zurückversetzt (man denke an Prince of Persia). Alle Gegner bereits besiegten tauchen ebenfalls wieder auf. Das ist deshalb so problematisch, weil Glendaar nur über eine beschränkte Menge Lebensenergie verfügt, und bei jedem Scheitern ein wenig davon verliert. Ist die Lebensenergie erschöpft, heißt es unerbitterlich Game Over und der gesamte Dungeon muss erneut bestritten werden. Heiltränke lassen sich zwar auffinden, sind aber stets sehr sparsam verteilt und meistens noch kniffliger zu erreichen als die eigentlich angestrebten Keyitems. Erst wenn ihr alle Feinde eines Raums aus dem Weg geräumt, das jeweilige Rätsel gelöst sowie alle relevanten Items eingesammelt UND das ganze auch noch überlebt habt, gilt der Raum als abgeschlossen und bleibt fortan in gelöster Form bestehen (jedenfalls solange ihr den Dungeon nicht verlasst).
Zwar ist das Gameplay insgesamt eher auf Ausweichen und Geschicklichkeit ausgelegt, allerdings stehen Glendaar einige Waffen und Zauber zur Verfügung, damit er nicht völlig schutzlos durch die tödlichen Labyrinthe irren muss. Die Waffen dienen lediglich zur Verteidigung und werden alle aus der Distanz gebraucht. Unser Held wirft mit Dolchen, Schwertern, Äxten und anderem tödlichen Gerät auf seine Feinde, was auch fast immer nötig ist, bevor ein Herangehen an das Raumrätsel Sinn macht. Mittels unterschiedlicher Magie kann Glendaar hingegen verlorene Energie regenerieren, die Zeit verlangsamen, Gegner gänzlich einfrieren oder versteckte Objekte sichtbar machen. Das erleichtert zwar manches Rätsel, ändert aber nichts daran, dass man es im späteren Spielverlauf mit regelrecht gigantischen Dungeons zu tun bekommt. Hier bringt einen dann bloß noch Auswendiglernen zum Ziel, denn eine Karte gibt es nicht. Apropos Ziel: Dieses besteht stets darin, zwölf Orbs aufzufinden um so den Weg zum Endgegner freizulegen. Hier beweist das Game seine Action, denn die Bosse setzen sich heftig zu Wehr und stehen ihren Kumpanen aus namenhaften Action-Adventures in nichts nach.
Ein Großteil der Atmosphäre Equinox' hängt mit der Grafik zusammen. Durch die 3D-ähnliche Optik wirken viele Räume stark verwinkelt, wodurch selbst kleinere Abschnitte das Gefühl vermitteln, ausdehnend und umfangreich zu sein. Außerdem lässt die Perspektive das ganze Spiel hinterhältig wirken, weil man nie verausahnen kann, was hinter der nächsten Ecke (im wortwörtlichen Sinne) lauert. Es muss ferner lobend erwähnt werden, dass Equinox ein eher früher SNES-Titel ist, in Japan kam das Spiel 1993 auf den Markt. Für einen solchen Release-Zeitpunkt war die Grafik einfach überdurchschnittlich gut, besonders die Sprites von Glendaar und den Bossgegnern brauchen den Vergleich mit späteren Titeln nicht scheuen. Insgesamt gibt es zwar nur 6 unterschiedliche Gegnertypen, diese wurden aber immerhin hier und da unterschiedlich eingefärbt. Mich stört jedenfalls an der Grafik nichts, im Gegenteil - sie beeindruckt mich heute noch. Akustisch ist das Spiel hingegen insgesamt eher unauffällig. Schade ist auch, dass jede Waffe den selben Soundeffekt benutzt. Wenigstens hat jeder Dungeon sein eigenes Musikstück spendiert bekommen.