Geschrieben von: Moi-Même · 30. April 2011 · Kategorie: RPG

Bewertungskasten_MQL_ohne_sternMystic_Quest_Legend.012png_thumb„Squaresoft“. Wenn dieser Name fällt, horche ich auf. „Bigbox“. Hmmm, ich denke an Secret of Mana. Folgt aber auch noch der diabolische Begriff „Einsteiger-RPG“, so weiß ich, oh Schreck, es geht um Mystic Quest. Normalerweise werde ich dann ganz still. Kann ich in diesem Fall aber nicht, denn dieses Review hat eine Vorgeschichte. Einen Streitstand, wenn man so will: Kaum ein Spiel wurde bei Snesfreaks.com bisher derart kontrovers diskutiert wie dieses. Wen das interessiert, der konsultiere den einschlägigen Thread in unserem Board.

Stellt man die Frage nach dem besten SNES RPG, so tauchen die unterschiedlichsten Antworten auf. Vor allem die Meinungen über den Maßstab gehen auseinander: Manche glauben, ein innovatives Gameplay würde den großen Unterschied machen. Andere rollen die Frage viel tiefgründiger auf und halten eine gute Story für das Maß aller Dinge. Grafik und Sound werden eh stets überbewertet und besonders schlaue Füchse werden wohl argumentieren, dass am Ende erst eine Kombination aus alledem ein wirklich gutes Rollenspiel ausmacht. Die Wahrheit in diesem Fall aber ist, dass alle bisherigen Überlegungen überflüssig waren. „Mystic Quest“ ist schlicht und ergreifend kein gutes Spiel.

Mystic_Quest_Legend.343png_thumbNein, Mystic Quest ist ganz und gar kein gutes Spiel. Um ehrlich zu sein ist es ein Scheißspiel. Das schlimmste daran aber ist, dass sie, werter Herr Leser, diese Tatsache selbst zwanzig Jahre nach seinem Release immer noch nicht einsehen können. Deshalb auch ihr entsetzter Blick auf den Bewertungskasten, gerade vor einer Minute. Ich finde diesen stinkenden, vergammelten Haufen krampfhaft erbrochener RPG-Einfallslosigkeit einfach unerträglich scheiße! Alles an diesem Spiel ist schlecht. Jedoch ist andererseits nichts an ihm sooo schlecht, dass ein einzelner Aspekt für sich allein genommen dem Spiel völlig das Genick bräche. Was Mystic Quest abliefert, mag grundsolide sein; es es einfach nur zu wenig. Auf dem Altar der Markterschließung opfert Mystic Quest den Unfähigen seine entschlackten Bitgedärme, verleugnet sein Genre und präsentiert ein völlig falsches Bild. Es ist ein Häufchen unentschuldbarer Defizite. Defizite, die sich summieren. So bin ich gänzlich unfähig zu fragen, was es ist, das dieses Spiel so aufs jämmerlichste ruiniert hat. Ich muss mich vielmehr fragen, wo ich bloß anfangen soll...

Mystic_Quest_Legend.056png_thumbEin RPG also. Für den Westen. Für den dummen, dummen Westen. Für Einsteiger, so heißt es auf der OVP. Und das ist auch die großartige Entschuldigung, die allgemein angeführt wird, wenn Mystic Quest mal wieder unverdienterweise wohlwollende Worte erntet. Aber interessiert mich das eigentlich? Nein! Denn ich lebe nunmal nicht mehr Anfang der Neunziger. Ich kenne das majestätische Niveau der 16 Bit Rollenspiele mittlerweile. Daher habe ich nun schon tausendmal erleben dürfen, dass ein auf der Oberwelt sichtbarer Gegner über die Nervenfolter des gemeinen Zufallskampfes hinwegtrösten kann. Ich bin entzückt, wenn Rollenspiele ein paar Action-Features von Zelda entleihen und wenn man obendrein auch noch springen kann, dann beeindruckt mich das ernsthaft. Dass Mystic Quest sich solchen Zucker schon 1993 auf die Schaltkreise zu streuen versucht hat, soll hier ja gar nicht unerwähnt bleiben, aber was mir bei diesem Spiel fehlt, ist etwas, das ruft, nein brüllt: „Ich bin ein echtes Square RPG“. In den USA hat das Teil immerhin ein „Final Fantasy“ im Titel stehen. Wo ist der unverwechselbare Charme, wo die inszenatorische Raffinesse der Mutterserie?

Mystic_Quest_Legend.087png_thumbBöse ausgedrückt ist Mystic Quests Story nicht mehr als eine fade Pampe all jener Obligationen, die sich ein halbwegs kreativer Storyboard-Autor normalerweise noch auszuschmücken erlaubt. Da ist "Benjamin", dieser unerträglich gesichtslose Typ, von dem keiner so richtig was genaueres weiß und der beiläufig verkündet bekommt, er sei der Auserwählte. Die Frage, wer er ist, wo er herkommt und was er überhaupt in diesem Spiel zu suchen hat, quält Benjamin selbst am Ende vermutlich noch viel schlimmer als den Spieler... Nur er kann die Welt retten, natürlich, und das allein soll dem beknackten Burschen auch schon Grund genug gewesen sein, sich auf den beschwerlichen Weg des Heldentums zu machen. Man sagt, beim Fortgehen zuckte er bloß mit seinen Schultern... Vier Kristalle muss Benjamin retten, behauptet jedenfalls so ein wirrer Opa. Das war das Intro. Es dauerte circa drei Sekunden und in drei Stunden wird ein durchschnittlicher Rollenspieler fertig sein. Ein Storytelling findet aber auch konsequent bis zum Ende gar nicht weiter statt. Überhaupt keines. Zwar könnte ich noch seitenlang leere Phrasen darüber dreschen, wie scheußlich einfallslos ich Mystic Quests Story finde. Leider ist eben diese Story aber noch viel leerer als meine Phrasen es je sein könnten.

Mystic_Quest_Legend.005png_thumbDie Krone der Seelenlosigkeit sind aber freilich diese generischen Begleiter, die sich dem Helden hier und da völlig grundlos anschließen, nur um ihn kurz darauf noch viel grundloser wieder im Stich zu lassen. Interessanter Weise tauchen diese irritierend gut informierten Penner stets präzise platziert zu exakt jenen Zeitpunkten auf, an denen der jeweils letzte Statist die Bühne räumt. „Ich weiß zwar nicht wer du bist und es geht mich ja auch nichts an, äh, aber falls du zufällig der Auserwählte bist oder so, komme ich mal eben mit dir mit und hacke den Baum ab, von dem ich vermute, dass er dir im Weg steht.“ Oh! Glaubhaft. Während ich etwas gegen meine Kopfschmerzen einnehme, hüpft unser Bubi seine lächerlich deplatzierte Pixelpirouette und schon formen 2 (zwei!!) Charaktere einen vollständigen Heldentrupp. Nicht, dass sie euch irgendetwas brächten: Der Held ist auch im Alleingang mächtig genug um das Spiel im Schlaf durchzustehen. Hallelujah. Also auf, Kaily! oder Ruben! Oder Tristan! Oder... wie ihr heißen mögt. Auf in den Kampf gegen, tja, gegen wen oder was auch immer. Eine Legende wird wahr! ...Hab ich mal irgendwo in der Spielanleitung gelesen.

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Nun mögen gewisse Leute (*HustChristian&PeriklesHust*) diesem „Anfänger RPG“ seine lausige Story verzeihen können, weil sie meinen, das Gameplay sei ganz okay. Drogenbedingt besonders fantasiebegabte Leute vielleicht (*HustEbenJeneHust*). Oder Leute, die noch nie ein RPG gespielt haben. Wir bekommen also eine lineare Storyline mit häufig wechselnden, höchst abwechslungsreichen Gruppenmitgliedern serviert. Nein, wartet... Das war ja Final Fantasy 4. Ähhh... die.. die anspruchsvollen Kämpfe bedürfen einer ständigen, bedachten Truppenplanung und würzen das Gameplay mit taktischer Tiefe!? Ach nein, verdammt, das war ja Dragon Quest 5. Aber warum erwähne ich überhaupt diese ganzen Vergleiche; vor lauter Belanglosigkeit weiß man bei Mystic Quest ja sowieso nie, ob man nun ein Final Fantasy oder ein Dragon Quest spielt. Das liegt daran, dass SquareSoft - abermals im Glauben, eine unfähige Käuferschicht zu beliefern - jede bis dato ersonnene Gameplay-Innovation restlos wegrationalisiert hat. Im Ernst! Überlegt, was ein RPG ausmacht, und wenn euch etwas in den Sinn kommt, denkt es euch sogleich wieder weg. Übrig bleibt: Mystic Quest.

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Ach, ihr könnt gar nicht denken? Nun, das erklärt zumindest, weshalb ihr euch für ein Mystic Quest-Review interessiert. Dann will ich euch die Gedanken mal ein wenig vorkauen: Werft zunächst einen Blick auf den absolut nicht vorhandenen Schwierigkeitsgrad. Das Grauen beginnt schon bei der Spielwelt selbst: Die Weltkarte ist linear; man pilgert sie auf vordefinierten Routen ab. Zu entdecken gibt es überhaupt nichts, außer circa dreißig "Schlachtfelder", welche schlicht aus jeweils zehn aufeinanderfolgenden Zufallskämpfen bestehen und am Ende nur in den seltensten Fällen eine Belohnung parat halten. Die Dungeons sind simpel; abgesehen von ein paar Schieberätseln, die streng genommen eigentlich gar keine sind, rennt ihr ohne jede Gehirnaktivität schnurstracks vom Eingang bis zum Boss. Was soll das?! Wissen sie, werter Herr Leser, wenn sie zufällig ein sechsjähriges Vorschulkind sind (das sich noch viel zufälliger für alte SNES RPGs interessiert), dann gehe ich jetzt auf der Stelle zehn mea culpa beten. Ansonsten bietet das SNES nahezu endlos viele brillante Gegenbeispiele, die ebenfalls einfach sind, ohne dabei auf Spieltiefe zu verzichten.

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Was mich schließlich zu meinem primären Kritikpunkt bringt: Ob ein Spiel schwierig ist oder nicht, war in meinen Augen bisher eine Frage des Balancings. Eine faire Lernkurve, keine zu krassen Levelschwankungen, sowas meine ich. Kurzum, saubere Programmierarbeit. Die Gegner in Mystic Quest hingegen bleiben von Anfang an konstante Pushovers, mehr als zwei Standardangriffe hält im Regelfall  keiner von ihnen aus. Im Prinzip könnten die Kämpfe also rasch vorbei sein. ...Wären da nicht die unzähligen Statusveränderungen, die eure "Helden" wirklich permanent schlucken müssen und die das ganze Theater vergnünglich bis zum Sanktnimmerleinstag in die Länge ziehen. Völlig sinnfrei, ist es in Mystic Quest doch schon faktisch unmöglich, Game Over zu gehen: Werden beide Charakter besiegt, beginnt der Kampf einfach von neuem. Die Kämpfe verkümmern folglich zu einem derart stupiden Buttonmashing, dass ich mich ernsthaft fragen muss, ob ein Action-RPG nicht gleich die bessere Genrewahl gewesen wäre. Wäre es wohl. Ist es aber nicht geworden. Stattdessen bekam dieses Spiel einen menügesteuerten Kampfbildschirm à la Dragon Quest zwischengeschaltet.

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Wie unnötig das alles ist! Kampfbildschirme sind seit jeher nur deshalb ein notwendiges Übel, weil der strategischen Tiefe des Rollenspielgenres irgendwie Rechnung getragen werden muss. Aber strategische Tiefe hat dieses Spiel einfach nicht. Einen Schildzauber zu wirken und aus der Defensive zu kontern ist bereits die gloreiche (und einzige) Taktik, die Mystic Quests KI beherrscht. Ihr kleines Sahnehäubchen, wenn man so will, und  ergo natürlich den allerletzten Endgegnern vorbehalten. Zum Vergleich: Diese Taktik ist der Kasus Knaxus jener Erstlingsbosse, mit denen Spiele der Mutterserie Final Fantasy traditionell ihren PROLOG abschließen! Begreift es doch endlich: Mystic Quests Gameplay ist kein einsteigerfreundliches Final Fantasy, es ist ein verumständlichtes Zelda.  ...ohne Rätsel. Ist euch eigentlich klar, dass Final Fantasy 4 ("easytype") - ein glänzendes Juwel seines Genres - ähnlich linear ist? Ohne komplizierte Charakterentwicklung? UND WUSSTET IHR, DASS ES FAST EIN JAHR VOR MYSTIC QUEST AUF DEN MARKT KAM?!?!?! Da habt ihr euer Einsteiger-RPG. Mystic Quests traumatisierte Opfer werden's wahrscheinlich gar nicht kennen... ~__~'

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Glaubt mir, ich könnte noch bis in alle Ewigkeit so weiter pöbeln. Nur müsste ich dann vor lauter Kopfweh meinen Schädel gegen einen Heizkörper schmettern. Und jetzt verzeihe der werte Herr Leser mir bitte, dass ich mich vor einem zwanghaften - und an dieser Stelle eh längst belanglosen - Abkaspern der Grafik drücke. Es war halt ... 1992. Witzigerweise gibt es da aber noch ein letztes Detail, an dem Mystic Quest - wie am seidenen Faden - über dem gähnenden Schlund der Vergessenheit baumelt. Die Spritestufen der Gegner. Nicht animiert, nein... Aber ihr haut sie bildlich zu brei. Das ist einfach immer erwähnenswert, denn sowas gibt's sonst wirklich nirgendwo - nichtmal bei aktuellen Spielen. Einem Troll zertrümmert ihr den Helm, dann knickt er ein, bis er kurz darauf am Boden liegend die Hand zum letzten Schlag hebt. Eisgolems schmelzen langsam dahin, der Hydra haut's nach und nach sämtliche Köpfe weg. Hurra, Mystic Quest! Das war es, das einzig Nennenswerte über Mystic Quest wäre damit genannt. Wacht auf. Jeder von uns  hat längst Zugriff auf all die Top-Titel. Keiner von euch hat dieses Spiel heute  noch nötig.

Fazit des Autors - Moi-Même

Der Sound ist mir jetzt egal, außerdem ist das Spiel eh behindert. Und wenn am Ende von Mystic Quest die Credits zu pseudo-epischem Gedudel über den Bildschirm ziehen, ähnelt das alles sowieso bloß einem Trauermarsch. Wie passend. Denn nach dem Durchspielen war ich traurig, richtig traurig. Dennoch: Lieferte ich euch hier bloß eine rachedurchtränkte Strafwertung, ich könnte mir wenigstens einreden, dass alles gar nicht so schlimm sei. Die furchtbare Wahrheit aber ist, dass ich recht habe. Und nein, Mystic Quest bekommt diese Wertung nicht nur aus blindem Protest. Mystic Quest bekommt diese Wertung auch nicht bloß deshalb, weil es das Ansehen seiner Mutterserie, Final Fantasy, beschmutzt hat. Da sind keine enttäuschten Erwartungen, da ist kein Trotz, keine dramatisierte Empörung in meiner Wertung. Da ist nur der nüchterne Vergleich mit den Standards des Rollenspiel-Genres. Was für ein bitteres Urteil.

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