Geschrieben von: Moi-Même · 21. November 2010 · Kategorie: RPG

bewertungskasten_ToP_ohne_Stern_aber_ChibixD  この世に悪があるとすれば 、それは人の心だ....

Kono yo ni aku ga aru to sureba, sore wa hito no kokoro da...

Tales_of_Phantasia.135png_thumb....Murmelt eine mysteriöse Stimme im Intro von Tales of Phantasia, kurz bevor.... nein - halt, Augenblick mal. Was war das eben?! Oha! SPRACHAUSGABE!! In Surround!!! Da kann dem nichts ahnenden Snesfreak schonmal vor Schreck das Pad aus den Fingern rutschen. Der anschließende Prolog beginnt mit einem Schaukampf: Stolze Animationen, dekadente Effekte und egal ob Blitz oder Blizzard, alles explodiert immer irgendwie.  Der Bildschirm erbebt, ein Grafikgewitter ungeheuerlichen Ausmaßes feiert sich selbst. Nichts für Epileptiker. Dafür total in Echtzeit! 48 Bit geballte Epicness zeigen 1995 allem bisher Dagewesenen den virtuellen Stinkefinger. Namco hat „abgeliefert“, Konkurrenz und Spieler verstummen vor Ehrfurcht. Dabei war dieses Rollenspiel nicht nur technisch betrachtet eine Offenbarung in vielerlei Hinsicht. Tales of Phantasia wagte einen ganz neuen Gameplay-Ansatz und sollte das mit Abstand gewaltigste Projekt der tapferen  Spieleschmiede Wolf Team werden. Tragischer Weise wurde es dabei zugleich auch ihr letztes. Der Schöpfer ging unter, das Werk aber war vollbracht. Es folgt nunmehr die Geschichte eines märchenhaft phantastischen Siegeszuges durchs Rollenspielgenre.

Tales_of_Phantasia.661png_thumbJa, wir haben es hier mit einer absoluten Koryphäe zu tun. Wem dieser Fakt elf Fortsetzungen später (Stand 2010) immer noch nicht aufgefallen ist, der sollte sich ernsthaft etwas mehr mit RPGs beschäftigen. Der Witz an diesem Hype: Phantasia macht exakt soviel falsch wie richtig, Glanz und Gloria hin oder her. Oder anders: Entweder man liebt es oder man hasst es eben, so wirklich was dazwischen gibt es tatsächlich nicht. Ich für meinen Teil bin ganz hin und weg von diesen Spiel, könnt‘s gleich noch mal neu anfangen. In Wahrheit ist es aber keinesfalls so perfekt wie alle sagen. Nicht, dass es diesem Meilenstein einen Abbruch tun würde; da darf ich kleiner Pseudokritiker mir absolut kein Urteil drüber erlauben. Der Ansatz dieses Reviews kann daher unmöglich die Frage sein, wie „schlecht“ oder wie „gut“ Tales of Phantasia im Endeffekt nun wirklich ist. So gesehen ist die Wertung zu der ich hier komme vielleicht auch nur eine Flucht vor der Wahrheit. Zumindest den Streitstand bin ich euch aber allemal darzustellen schuldig, wenn ich dieses Spiel schon mit 6 Punkten beleidigen muss. Zu diesem Zweck werde ich übrigens moderat spoilern, weil alles andere am Punkt des Reviews vorbei geschrieben wäre. Also, lasst mich klären.

Tales_of_Phantasia.251png_thumb„Wahrlich, wenn es etwas böses in der Welt gibt, dann ist es der menschliche Geist“. Genau! Das waren sie, die eingangs erwähnten ersten Worte Tales of Phantasias. Philosophischer Tiefgang lauert also hinter fast jeder Ecke. Nein, eigentlich ganz und gar nicht... Willkommen im Reich der Tales-Spiele. Eine Welt voller Kitsch und Glitzer wartet auf euch, mit ganz viel Zucker oben drauf. Könnt ihr über eine vorhersehbare Handlung hinwegblicken? Beweint ihr - wie ich - stets aufs Neue die zigste Aufhübschung solcher RPG Standards wie den Helden, dessen Dorf abbrennt, den androgynen Oberschurken mit seiner inneren Tragik oder das mysteriöse Amulett, welches vermutlich der Schlüssel zu allem ist? Nicht zu vergessen die Tatsache, dass man zu jedem großen Storytwist sowieso immer zu spät kommt. Im Fall von Tales of Phantasia war Wolf Team offenbar aufs Eifrigste darum bemüht, dieses mal wirklich die ganze Kiste der Genreklischees auszukippen.

Tales_of_Phantasia.025png_thumbWie es sich für ein Japano-RPG gehört, bestreitet ihr euer Abenteuer in der Haut eines Teenagerjungen. Der hat natürlich die zwingend notwendige blonde Stachelfrisur, spielt an der Front mit Schild und Schwert den Herkules und ist auch sonst in jeder Hinsicht nur darauf aus, möglichst gut den Stereotypen zu erfüllen. Cless, so heißt der Knabe, ist soeben zum Vollwaisen geworden. Dorf kaputt, also los, ganz doll rächen, bevor die obligatorische Prologwende den nicht minder obligatorischen, androgyn angehauchten und schließlich blonden Oberbösen auf den Plan ruft. Die Hauptstory setzt ein und wir treffen Mint, ein stilles und naives Gör von der Stange "Heilermädel", ohne welches längst kein ernstzunehmendes RPG mehr auskommt. Dann wäre da noch ein alter Kindheitsfreund, Chester, der zwar viel cooler als Cless, leider aber nicht blond und schon gar kein Schwertkämfer, ergo nicht der Hauptcharakter, sondern eben nur dessen Kindheitsfreund ist. Zwei vorlaute Magier stoßen schließlich auch noch hinzu, aber erst in einer anderen Zeitepoche. Ja, durch die Zeit wird natürlich auch gereist, und klar, mit Elementargeistern wie beispielsweise Ifrit verbünden wir uns sowieso. Bestimmt spricht unsere Gruppe im Laufe ihres Abenteuers früher oder später auch mal mit einem großen Manabaum. Sollte sich sodann beim großen Finale plötzlich herausstellen, dass doch noch nichts so völlig vorbei ist, lässt sich zur Not wahrscheinlich schnell noch irgendein heiliges Schwert auftreiben. Zuvor aber müssen unsere Helden ihre inneren Dämonen bezwingen. Sie wachsen von Kindern zu Helden heran, werden mit ihrer Bestimmung fertig und sind, hurra, am Ende alle um eine Erfahrung reicher. Im Endeffekt weiß man das alles aber auch schon nach einer Stunde. Phantasia zu spielen bedeutet, sich bei jeder Cutscene irgendwie nur noch an den Kopf fassen zu wollen.

Tales_of_Phantasia.069png_thumbDas schöne daran: Nicht einmal die aller dämlichsten Klischees könnten diesem Spiel je seine Atmosphäre verderben. Tales of Phantasia bringt sich mit seinem Titel selbst auf den Punkt. Es ist märchenhaft süß. Und noch dazu ziemlich witzig! Hat sich meine Gruppe gerade ernsthaft betrunken? Darüber habe ich beim Schauen der Cutscene tatsächlich ein Selbstgespräch geführt. Ein anderes mal stehen Mint und Cless sich mit hochrotem Kopf gegenüber, weil es im Schlafzimmer nur ein Einzelbett gibt. Ich hatte fast so etwas wie romantische Gefühle. Während eines Bads in den heißen Quellen bespannt Chester unsere Mädels und ich kann den großen blauen Tropfen förmlich an meiner Stirn fühlen. Schwer zu entscheiden, ob man seine Charaktere knuddeln oder ohrfeigen will. Ganz ganz große Emotionen und ganz ganz viel Charme, vor allem aber stets ein wenig Eigenparodie, so ließe sich Phantasias Storytelling beschreiben. Wenn ihr also auch einer dieser Animefanboys seid, denen sowieso den ganzen Tag lang nur das Wort „Kawaii“ durch den Kopf spukt, dann wird bei euch der Ersteindruck sitzen, das verspreche ich euch. Bei meiner Ehre!

Tales_of_Phantasia.185png_thumbEinen guten Ersteindruck braucht Phantasia auch, denn nun geht mir der Zuckerguss aus. Meine Damen und Herren, es gibt sich die Ehre: Der große Reinfall. Ich will erklären was ich meine: Kämpfe, Zufallskämpfe genauer gesagt, sind zum einen das Hauptmerkmal japanischer Konsolenrollenspiele. Zum anderen sind sie aber auch ihr größter Makel. Für viele zumindest. Im Fall von Tales of Phantasia verfehlen sie jedenfalls absolut ihren Wortlaut und sind mit Nichten so „zufällig“ wie man meinen könnte! Werfen wir nach 25 Stunden Spielzeit einen Blick auf den Kampfzähler, so steht da, mit etwas gutem Willen meiner- und ganz viel Glück eurerseits, eine Zahl im Dreh so um die 1500. Runter gerechnet sind das 60 Zufallskämpfe die Stunde, oder, für die Deppen unter euch, einer pro Minute. Klingt gar nicht so schlimm? Rechnet Dialoge, Cutscenes, Menüverwaltung, Städtebummel oder Toilettenpausen mit ein und vergesst bitte nicht, dass so mancher Kampf selbst ganz gern seine Zeit braucht. Summa summarum kommt ihr dann, während eurer Reisen über die Weltkarte und durch die Dungeons, auf etwa einen Kampf alle vier Schritte. Alle. vier. Schritte. Oder noch öfter. Naja. Auf alle Fälle sind es viel zu viele. *Düddelüüü*~ Arrrgh, da ist er wieder, dieser sadistisch feixende Sound der mir zum fünfzigsten mal signalisiert, dass ich gerade wieder in exakt die gleiche Gegnergruppe hineingerannt bin. Was für ein Zufall und was ein Mist, dass man die halbe Spielzeit lang sowieso nur ein und die selbe Backtrackingtour abpilgert. Ach ja! Grinden müsst ihr übrigens trotzdem noch, denn Tales of Phantasia ist absolut kein leichtes Spiel. Eine Zerreißprobe. *Kopfschüttel*.

Tales_of_Phantasia.210png_thumbOder mögt ihr Zufallskämpfe etwa? Könnt ihr diesem Spiel ihre irrsinnige Häufigkeit verzeihen? ...Nicht? Schade, dann habt ihr Pech gehabt. ...Wenn ihr es wider erwarten doch könnt, tja, dann habt ihr auch Pech gehabt. Denn den wahren Esel dieses Spieles habe ich noch gar nicht auf die Bühne geholt. Ganz klasse fände ich es nun, hier von irgendeiner Belanglosigkeit berichten zu können. Trauriger Protagonist dieses Absatzes ist aber leider das so genannte „Linear Motion Battle System“. Ist irgendjemand mit mir der Auffassung, dass die Wörtchen „linear“ und „motion“ eher suboptimal miteinander harmonieren? In Tales of Phantasia kam diese herrlich überflüssige Innovation jedenfalls gleichermaßen erst- wie letztmalig zum Einsatz. Versetzt euch nun bitte in Trace und stellt euch ganz fest eine horizontale Linie vor. Große Überraschung, ihr befindet euch auf dem Kampfbildschirm. Euer Dilemma: Cless - der einzige Charakter den ihr Steuern könnt - bietet euch eine gewaltige Vielfalt total cooler Specialmoves. Sich mit Cless durch die Gegnerhorden zu schnetzeln käme vom Gefühl her absolut einem Beat'em Up Gameplay gleich, stünden euch nicht sämtliche NPCs, Freund wie Feind, kackdreister Weise permanent dabei im Weg.

Tales_of_Phantasia.248png_thumbAlles ist im Weg. Genau das ist es eigentlich, das viel beschriebene - selten getroffene - wahre Problem Tales of Phantasias. Das Spiel hat eben nun einmal nur diese verfluchte, fatale, eine Linie. Sie versucht euch Bewegungsfreiheit zu suggerieren, vernichtet sie stattdessen aber einfach nur restlos. Ihr drückt einen Knopf. Übrigens den Knopf, den ihr für den Rest des Spieles gefühlte 60 mal die Sekunde drücken werdet. Fast schon etwas verzögert beginnt Cless sodann, die gedachte Linie seinen Gegnern entgegen zu rennen. Allein darin verbergen sich bereits drei gravierende Einschränkungen: Erstens, Cless muss in der Gruppenformation an erster Stelle stehen, sonst liefe er bei jedem Angriff erst einmal durch seine Freunde hindurch. Das geht zwar, macht aber keinen Sinn, weil sich die strunzdumme KI einfach nicht selbst beschützen kann und unser Held unergründlicher Weise nach jedem Schwertschlag auf seinen Formationsposten zurückkehrt. Zweitens: Cless rennt nicht wirklich seinen Gegnern entgegen, sondern eigentlich nur deren Frontmann. Wie dumm, wenn hinter eben diesem drei Magier hocken, die gerade parallel ihre mächtigsten Zauber vorbereiten und die man einfach nicht erreichen kann. Ihr mögt gelevelt haben soviel ihr wollt, wenn diese Situation eintritt, seid ihr auf einen Streich platt. Drittens: Ihr könnt nicht ausweichen. Zwar blockt Cless nach dem Zufallsprinzip gelegentlich mal mit seinem Schild; hat euch ein Gegner aber erst einmal an den Bildschirmrand gedrängt, so wird er euch ohne Mühe dem unausweichlichen Game Over entgegenprügeln. Sogar die Kollisionsabfrage würgt euch dabei noch einen extra rein: Fast alle Gegner schlagen einfach ein Stückchen durch euch hindurch und unterbrechen dabei die Zauber eurer Gruppenmitglieder. Das ganz große Hallelujah singt ihr aber erst dann, wenn besagtes, hirntotes Pack dies von ganz allein besorgt, schlicht um die paar Schritte zu laufen die es braucht, um wieder in Formation zu stehen. Man möchte sie mal wieder ohrfeigen.

Tales_of_Phantasia.242png_thumbKann man ja aber leider nicht. Nun, man kann immerhin die Formation ändern. Nicht nur im Hauptmenü sondern sogar im Kampf. Das gleiche gilt für die Zauber unserer Mitstreiter und grob auch für ihr Verhalten, denn man darf ihnen sagen ob sie MP verbraten dürfen oder nicht. In Wahrheit kann man ihnen fast alles mögliche sagen, nur tun, meine Lieben, werden sie es mit aller Wahrscheinlichkeit irgendwie falsch. In den kritischen Momenten jedenfalls zumeist. Nehmen wir gleich mal Gehirnkrüppel Nummer eins: Mint ist es, die zwar keinen Verstand, dafür aber sämtliche Heilungszauber besitzt. Trotzdem wird Madame nur ihren einzigen Schadenszauber spammen, so man es ihr nicht explizit verbietet. Dann spammt sie zwar ohne Unterlass ihre mächtigsten HP Spritzen; Cless' Statusveränderungen haben diese KI-Pfeife aber während meines gesamten Spieldurchlaufs nie interessiert. Schade, dass man nicht zwischen seinen Gruppenmitgliedern hin und her schalten darf. So ist es im Endeffekt sogar die künstliche Intelligenz, welche den letzten Rest Bewegung aus dem Linear Motion Battle System herausquetscht. Um dessen Probleme in den Griff zu kriegen, brauchen wir nämlich permanent das Menü. Sei es, um von Mint einen bestimmten Zauber zu erbetteln oder sei es die Formation, die eh niemals optimal sitzen wird. Quasi durchgehend sind wir gezwungen den Spielfluss zu stoppen und schnell fühlt man sich dabei wie eine Marionette, die nur mal zögerlich an ihren Fäden zappeln kann. Die Steuerung des Kampfsystems ist ein Käfig. Gefühle von Einengung und Kontrolllosigkeit schaffen es glanzvoll, selbst den geduldigsten Spieler zur Weisglut zu treiben. Ein Problem welches Namco übrigens schon während der Entwicklung aufgefallen war. Trotzdem brauchte es erst die Spaltung von Wolf Team, ein Jahr Zeit und schließlich das Release von Star Ocean, bevor die Idee des Echtzeit RPGs ihren großen Durchbruch schaffen sollte.

Tales_of_Phantasia.016png_thumbDas Zwischenfazit lautet daher: Nichts kann euch retten, wenn ihr euch nicht auf Anhieb in Tales of Phantasia verliebt. Das Gameplay ist schwer zu meistern und selbst dann noch unheimlich holperig. So wird dies nun wohl der Absatz, der mir am aller meisten weh tut. Oh, Tales of Phantasia, du bist doch diese unbegreifliche Technikbombe... Ich bin so entzückt, wenn Arche plötzlich wieder "INDIGNATION" brüllt und die Gegner vor meiner Klinge dahingebrutzelt werden. Optisch betrachtet ist zu diesem Titel ja sowieso längst alles gesagt, konsultiert man die einschlägigen Screenshots. Lediglich dem Sound muss hier noch eine Widmung genehmigt sein, denn mit Tales of Phantasia hatte Namco vor allem musikalisch ein ganz besonderes Ziel verfolgt: Man wollte das bis dato musikintensivste Videospiel produzieren. Phantasia ist mit Sicherheit das einzige SNES Game, welches über ein ingame gesungenes Titellied verfügt. Ohrwürmer wie "Battle of the Spirits" finden sich heute noch im Repertoire der Serie und was dem ganzen wohl die Krone aufsetzt, ist die hier bereits hinlänglich genannte Sprachausgabe. Vielleicht darf sich der Sound als einziges Feature des Erfolgs gewiss sein, mir am Ende doch noch eine milde Sympathie für das Kampfsystem entlockt zu haben. Völlig klar ist jedenfalls, dass Phantasia ohne seinen Sound nicht wäre, was es ist. Hey, Surround!!

Fazit des Autors - Moi-MêmeTales of Phantasia. Du hattest mehr Potential und Starthilfe als ein SNES Spiel sich je wünschen durfte. Ich vergebe dir... Die Welt war einfach noch nicht bereit für Echtzeit-RPGs. Es ist alles gesagt, um die "love-it-or-hate-it" Situation führt kein Weg vorbei. Geht hin und findet selbst heraus, ob bei euch der Funke springt.

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