"People say, the Universe is a Star Ocean.."
Hach ja, die unendlichen Weiten. Wir schreiben das Jahr 2432. Irgendwo im Kosmos sinniert ein Raumschiffkommandant über den Fortschritt der Menschheit. Gerade will er sein lecker Käffchen süffeln, als ihm plötzlich ein ganzer Planet um die Ohren fliegt. Boooom!! Hurra, das war er, der symbolische Urknall von Star Ocean, jener Rollenspielreihe, die 1996 auf dem Super Famicom ihren Anfang nahm und seither aus dem Standardrepertoire von Square-Enix gar nicht mehr wegzudenken ist. Etwas erschrocken erblickt der Captain die Explosion auf dem Schirm. Ob die Resonianer wieder zugeschlagen haben? Mit denen befindet sich die interstellare Föderation nämlich seit geraumer Zeit im Krieg. Oder hat vielleicht eine völlig unbekannte Entität ihre Finger im Spiel? Das soll an dieser Stelle mein Geheimnis bleiben, die Crew jedenfalls lässt sich von der Schockwelle des zerberstenden Sternes erstmal ordentlich durchschütteln. So weit, so Star Trek.
Für unseren Hauptcharakter Ratix bleibt dieser Vorfall vorerst noch uninteressant. Genauer gesagt weiß er gar nichts vom Krieg, der über seinem Himmel tobt. Ratix lebt auf einem rückständigen Planeten namens Roak und gehört den Fellpool an, einer katzenähnlichen Humanoidenrasse, die fröhlich in einem mittelalterlichen Zeitalter jenen Dingen nachgeht, denen Katzen eben so nachgehen. Im verschlafenen Dorfidyll von Kratus führt Ratix ein beschauliches Leben an der Seite seiner Kindheitsfreunde Dorn und Millie, bis... tja, bis eine ultra-infektiöse Seuche beginnt, die armen Mietzis in Stein zu verwandeln. Was unseren Fellpool wie das Ende aller Tage vorkommt, stinkt für die Föderationsgeneräle Ronixis C. Kenny und Iria Silvestoli ganz banal nach resonianischem Biowaffenterror, daher beamen sie sich fix auf Roak hinunter, wo Ratix und Co ihnen direkt in die Arme laufen. Ein ordentlicher Schock für unsere verblüfften Protagonisten. Weil Dorn sich zu allem Überfluss gerade anschickt, der Seuche nächstes Opfer zu werden, verfrachtet man die nervlich etwas abgekämpften Kätzchen erst einmal in die Krankenstation des Raumkreuzers Calnus. Ließe sich der Ursprung dieser Seuche feststellen, so glaubt Ronixis, könnte vielleicht ein Antiserum gefunden werden. „Antiserum“!? Aus den Worten der Erdlinge werden Ratix und Millie zwar beim besten Willen nicht schlau. Gleichwohl beginnen sie jedoch zu ahnen, dass diese Schicksalsbegegnung der dritten Art ihrer Heimat die Rettung bringen könnte. Der Rest ist daher schnell beschlossene Sache: Auf in die Vergangenheit, den Erstinfizierten suchen!
Was folgt, hätte im Prinzip so etwas wie ein erzählerisches Meisterwerk werden können, denn ab diesem Zeitpunkt verläuft Star Ocean multilinear. Man darf sich diese Handlung in etwa wie ein Puzzle vorstellen: Das Bild bleibt zwar am Ende stets das gleiche, der Entstehungsprozess jedoch ist eine Frage der Herangehensweise. Acht Streiter fasst ein voller Heldenchor, wobei Ratix, Millie, Iria und Ronixis den roten Faden liefern. Aus sieben weiteren optionalen Recken rekrutieren wir uns schließlich die restlichen vier und abhängig von der Gruppengestaltung entfaltet Star Ocean dann seine (teilweise) individualisierten Handlungsstränge. Ein geniales Konzept, das muss ich ganz entschieden sagen, und befriedigend umgesetzt ist es noch dazu. So mancher mag das anders sehen, ich für meinen Teil bin mit Star Oceans Handlung jedenfalls durchaus zufrieden. Wie ein Feuer schürt sie sich von Wende- zu Höhepunkt und dank des Rekrutierungssystems findet ihr Spannungsbogen auch bei mehrmaligem Durchspielen noch neue Stützen. Die Story funktioniert, eine ganze Weile lang zumindest. Doch ich will euch keinen falschen Honig aufs Brot schmieren: Da schwebt ein gewisser Schatten über Star Ocean. Von Enix rede ich, dem fiesen Publisher! Auf halber Strecke hatte der doch tatsächlich nichts intelligenteres im Sinn, als die fleißigen Entwickler von Tri-Ace unter bösen Releasedruck zu setzen. Merkt man dem Endprodukt leider ziemlich deutlich an, denn so packend und atmosphärisch das Spiel zum größten Teil auch sein mag, so überhastet stolpert es am Ende durch sein letztes Drittel. Im Prinzip verzaubert und verzückt sitzt er da, der Spieler, und stellt ganz plötzlich erschrocken fest, dass der Plot kaum 15 Stunden füllt.
Doch hört mich an! Vergesst bitte diesen einzigen Dämpfer, denn wenngleich Tri-Ace die Vision vom Weltraum-Epos um 30 Stunden Spielzeit verfehlt haben mag, so ist dennoch richtig saftig Seele im Spiel hängen geblieben. Star Ocean ist einfach beispiellos atmosphärisch und das liegt in nicht geringem Maße am implementierten Emotionssystem. Um genau zu sein, ist es eigentlich sogar eines der interessantesten Features Star Oceans überhaupt. Während so genannter "Private Actions" - interaktiver Städtebummel quasi - vertieft Ratix abseits der Hauptstory die Bindung zu seinen Kameraden (oder verscherzt es sich ordentlich mit ihnen). Ihr wollt euch mit dem Schwertkämpfer Cius gut stellen? Das beste wird sein, ihr geht mal zünftig einen Humpen mit ihm heben. Lasst euch von Ronixis und Iria das "Uniweasumm" erklären und erlebt, wie sie ihren wissenschaftlich-rationalen Blick auf die Welt zu hinterfragen beginnen. Oder ihr arbeitet ein wenig an eurer Romanze mit Millie, die steht nämlich ganz arg auf unseren pelzigen Charmeur und hält die ein oder andere herzerweichende Szene in Petto. Neben der tiefergehenden Charakterisierung eurer Gruppenmitglieder, den diversen Slapstick-Momenten sowie einigen extrem versteckten Szenen schaltet ihr dabei sogar zusätzliche Abspannsequenzen frei und nach einer Weile sind die Bande zwischen euren Helden so stark, dass Ratix in einen regelrechten (ziemlich mächtigen) Wutanfall verfällt, geht einer seiner Freunde im Kampf K.O. Worauf ich hinaus will: Trotz der mittelprächtigen Haupthandlung ist da einfach etwas in diesem knuffig bunten Fantasy-Sci-Fi-RPG, das ruft, nein, brüllt: "Sieh her, ich bin ein liebevoll konzipiertes Spiel, versinke in mir". Und wahrlich, versinken tue ich darin; auch nach viermaligem Durchspielen noch. Star Ocean öffnet mein Herz und schließt seine Charaktere darin ein. Es definiert den Begriff des 'Rollen'spieles auf seine ganz eigene, charmante Weise und schafft es am Ende doch tatsächlich, in mir so etwas wie ein "Wir"-Gefühl zu wecken. Das sind nicht meine "Figuren", die bestenfalls eine Funktion erfüllen oder andernfalls vergessen werden. Es sind meine Freunde - verzeiht, Ratix' Freunde - und als solche habe ich sie alle gern. Ich beschwöre euch: Nutzt die Private Actions, wenngleich sie optional sein mögen, denn nur dann offenbart Star Ocean seinen storytechnischen Facettenreichtum. Einfach zuckersüß.
Aber wartet, da ist noch viel mehr Zucker oben drauf. ..Oder hätte drauf sein sollen? "Meine Güte, wie FURCHTBAR!!" Nein nein, das sind nicht meine Worte, das ist nur Millie die gerade 'nen Pfannkuchen verhunzt hat. Da braucht's wohl noch ein paar Stufen für den Küchenchef-Skill. Schonmal ein Crafting-System in einem SNES RPG gesehen? Nicht? Nun, Star Ocean hat eines - ein ziemlich umfangreiches sogar - und das ist bloß eine der zahlreichen Innovationen, die Tri-Ace diesem Spiel ins Modul gepflanzt hat. Habt ihr's gemerkt? Wir sind beim Gameplay angekommen. Die gängigen Obligationen des Genres will ich hier allerdings nicht totkaspern, dass Star Ocean mit Erfahrungspunkten, Level-Ups, Statuswerten und Ausrüstungsgegenständen arbeitet, ist sowieso jedem klar, der schonmal ein RPG gedaddelt hat. Vielmehr ist es die manuelle Charakterentwicklung, der gar nicht genügend Worte gewidmet werden kann. So genannte Skill-Points nämlich - ein den Erfahrungspunkten nicht unähnlicher Zahlenwert - erlauben es uns, die jeweils unterschiedlich talentierten Helden in 36 Fähigkeiten auszubilden. Da gibt's eigentlich alles, was man sich nur vorstellen kann, von Kampftechniken übers Handwerk hin zu ganzen Wissenschaften. Einige davon sind nur im Konfliktfall von Relevanz, andere erhöhen unsere Statuswerte und wieder andere ermöglichen das Schmieden von Waffen, das Kochen, das Bücherschreiben oder Komponieren. Ihr seht, da gibt's ein paar ganz schön interessante Nebenbaustellen. Die mächtigsten Gegenstände lassen sich auf diese Weise fabrizieren und nicht wenige Secrets (wie ein geheimer Bossgegner etwa) sind in diesen brillanten Gameplayaspekt verstrickt. Ähnlich wie im Fall der Private Actions kann ich jedem nur ans Herz legen, diese Möglichkeit nicht zu ignorieren.
Was vom Gameplay nunmehr übrig bleibt, ist wohl Star Oceans charakteristischste Eigentümlichkeit überhaupt. Machen wir gemeinsam eine gedankliche Umblende zum Kampfbildschirm. Ich versichere euch, was ihr hier zu sehen bekommt, ist innerhalb der Liga der Super Famicom-RPGs mit nichts - aber auch wirklich gar nichts - vergleichbar. Während der Kämpfe fegt nämlich ein Chaos von biblischem Ausmaß über den Bildschirm. ...In Echtzeit! Vier Helden kämpfen frei beweglich auf den quaderförmigen Kampfbildschirmen, per Knopfdruck schalten wir flexibel zwischen ihnen hin und her. Kaum ist das Gefecht freigegeben, sind Aufmerksamkeit und Reflexe gefragt. Ratix sprintet drauf los, wir hämmern auf unser Pad ein, Schwerthiebe ohne Ende sind die Folge. Plötzlich trifft ein Feuerball den tapferen Fellpool im Rücken und unterbricht seinen Schlaghagel kurzfristig. Lautstark miaut Ratix vor Schmerz auf. Fallen seine HP dabei in den roten Bereich, so können seine Freunde einen besorgten Aufschrei ebenfalls nicht unterdrücken. Hastig (dafür stets zuverlässig) murmelt Milly einen Heilzauber, wofür sich unser Frontkater erleichtert bedankt. Puh! Nicht nur Ratix hat's überlebt, auch wir sind knapp dem Herzinfakt entkommen. Nun zücken wir eine Killer-Technik: Ratix bringt sich in Position, brüllt wie ein Stier und brät im Sprung gleich mehreren Monstern gleichzeitig eins über. Kurzerhand preschen noch zwei Energiewellen aus seiner Klinge hervor, die den Feind bis an den Bildschirmrand zurückdrängen. Eine Gelegenheit, die wir der KI nicht zweimal bieten müssen. Binnen eines Augenblicks umzingelt sie die taumelnden Viecher mit dem Rest unserer Truppe, der Gnadenstoß erfolgt in Zeitlupe und schon ist alles vorbei. Die Gruppe atmet auf, Ratix spreizt die Finger zum Victory-Zeichen, den Verlierern werden ein paar spöttische Sprüche zuteil und unser Adrenalinspiegel sinkt auf ein gesundes Maß zurück. Mein Gott, etwas actionlastigeres ist mir im RPG Genre wirklich noch nicht unter gekommen! Star Oceans Kampfsystem ist einfach immer fetzig. Irgendwann routiniert, aber eben routiniert fetzig – und... ach, ich trau mich fast nicht es zu sagen, damit irgendwie beinahe so etwas wie perfekt.
*Schluchz*!! Ist ein ganz bewegender Moment für mich. Wie oft darf ein Reviewer schon das Wörtchen "Perfektion" durch die Tasten jagen? Nun, bei der Grafik kann ich das ruhig wagen, grenzt es doch im Fall von Star Ocean fast schon an Beleidigung, diesen Punkt überhaupt zu diskutieren. Star Ocean hockt auf dem Thron einer 48-Bit Cartridge und protzt zudem mit seinem S-DD1 Chip. Was das Spiel damit auf den Bildschirm klatscht, dürfte meinem technischen Laienverständnis nach zu urteilen auf dem Super Famicom eigentlich überhaupt nicht möglich sein. Detaillierteste Sprites, Animationen, die dem PSX-Sequel in kaum etwas nachstehen und Effekte so grandios, dass selbst Tales of Phantasia einpacken kann. Doch es ist eigentlich gar nicht die Technik, die mir hier zehn Punkte abgerungen hat. Star Ocean ist nämlich einfach viel zu niedlich, um irgendetwas anderes zu verdienen als die Höchstwertung! Hübsche Anime-Avatare verzieren den Statusbildschirm. Da sind Sprechblasen mit den gängigen Manga-Chibi-Symbolen. Wenn die Fellpool der Gruppe sich ärgern, sträuben sich ihre Schwänze, wie bei Katzen. Star Ocean hat grafisch einfach sein ureigenes, charmantes Wesen gefunden und mir bleibt nur übrig, nochmals zu betonen, wie unendlich verliebt ich in all das bin.
Okay, ich glaube, ich habe mich wieder beruhigt. Dürfte ich, so kurz vorm Schluss, noch einmal höflich um einen raschen Blick auf den Startbildschirm bitten? Zuunterst entdecken wir dort eine Option namens Sound Player und das hat seinen guten Grund, denn was Motoi Sakaruba akustisch für Star Ocean geleistet hat, ist anders eigentlich gar nicht zu würdigen. In ihm enthalten ist neben rund 53 Musikstücken auch das komplette Voice Acting. Ach ihr habt geglaubt, ich hätte oben übertrieben? Nein wirklich, Ratix brüllt tatsächlich und nicht nur das, er redet sogar vollständige Sätze. Ja, Star Ocean hat eine verdammte Sprachausgabe. Eine SPRACHAUSGABE!! 'Ne zehn gibt's dafür. Eine zehn, so klar und wohlverdient, dass sie streng genommen eigentlich eine elf sein müsste.