Was machen zehn japanische Schulmädchen - darunter zwei Lesben - in ihrer Freizeit? ..Na? Die Welt retten natürlich, was habt ihr denn bitte schön geglaubt. »Another Story« basiert (*die Bombe platzt laut*) auf der weltweit höchst populären Manga & Anime-Reihe Sailor Moon und ist somit ein Lizenzspiel. Was halten wir von Lizenzspielen? Richtig. Wir sind erst mal skeptisch. Ob zu Recht, das möchte ich im folgenden Review klären.
Früher war ich mal unheimlich süchtig nach Sailor Moon. Stets machte ich einen höllischen Aufstand, verpasste ich auch nur eine Folge. Zu jener Zeit wusste ich bereits um die Existenz von »Sailor Moon: Another Story« und hätte wohl alles gegeben, es zu spielen. Natürlich wurde dieses Spiel außerhalb Japans jedoch nie veröffentlicht, was ich heute kein bisschen mehr bedaure. Fairer Weise gestehe ich: Als Fan der ersten Stunde habe ich dieses Spiel zwar irgendwie genossen, denn es kommt der speziellen Wesenheit der Serie unfassbar nahe. Als RPG versagt »Another Story« aber auf ganzer Linie. Da bin ich gar nicht überkritisch, denn diese Tatsache tut mir selbst am meisten weh. Hört ihr, ihr Deppen von Angel Studios? Euer Spiel versagt, und im Namen des Mondes werde ich euch dafür bestrafen!
Fangen wir gleich mit der ersten Katastrophe an, der Handlung. Ein kurzer
Abriss: Apsu, eine mächtig böse Hexe aus Kristall-Tokyo (sprich, der Zukunft) ist der Meinung, dass nach dem Sieg über den dunklen Messias (sprich, Hotaru, sprich, Sailor Saturn) eigentlich nunmehr ihre Zeit gekommen sein sollte, den dämlichen Gören mal aufs Maul zu hauen. Daher hat sie kurzerhand die fünf Oppositio-Senshi zusammengerufen und ihnen nahe gelegt, in die Vergangenheit (sprich, Gegenwart) zu reisen, um dort den "Ginzuishou" (sprich, Silberkristall) aufzutreiben, mit dem sich schließlich die Welt regieren lässt. Zeitgleich fällt Mamoru (sprich, Prinz Endymion, sprich, Tuxedo Mask) in ein Koma, weswegen die Sailor Senshi wiederum den "Barazuishou" (sprich, goldenen Kristall) suchen müssen. Dieser erscheint allerdings nur, wenn es gelingt, die vier "Hi-Steine" der "Shitennou" (sprich, Jadeite, Nephlite, Zoisite, und Kunzite) wieder zu vereinen. Soweit alles klar?!
Im Prinzip dürftet ihr vom letzten Absatz ziemlich präzise geschätzt absolut gar nichts verstanden haben, und genau das ist der springende Punkt. »Sailor Moon: Another Story« kennt kein Erbarmen mit Spielern, denen das Quellmaterial nicht vertraut ist. Es wird angenommen, dass ihr sämtliche Charaktere mitsamt ihren Hintergründen zur Gänze kennt, ebenso wie alle Schauplätze und die Sailor Moon'sche Fachterminologie. Im Großen und Ganzen erstreckt sich das benötigte Expertenwissen auf die ersten drei Staffeln der Anime-Serie und das sind immerhin 127 Folgen. Wer das nicht mitbringt, fliegt schon an dieser Stelle raus: Das Spiel ergießt sich lieber in stundenlangen Dialogen der Senshi über süße Jungs, das Heiraten, schlechte Noten oder kürzlich besiegte Dämonen und macht sich nicht im Mindesten die Mühe, irgendetwas dergleichen für Quereinsteiger zu erklären. Allen Fans möchte ich sagen: Ihr werdet diese Story lieben. Tatsächlich wird sie sogar das einzige sein, was euch bei der Stange halten kann, denn der spezielle Charme der Serie wird optimal umgesetzt. Sailor Moon sorgt für die beliebten Slapstick-Momente und die herzerweichende Romanze mit Mamoru. Merkur ist den lieben langen Tag nur am Lernen, Jupiter geifert wie gewohnt diversen Jungs hinterher und Uranus steuert mit ihrer Angetrauten Neptun wieder die obligatorische Portion Lesbengeturtel bei. Schurken wie die Deathbusters um Dr. Tomoe, die Familie des schwarzen Mondes oder Königin Perillia haben natürlich ihre würdigen Gastauftritte, ganz zu schweigen von den vielen, altbekannten Dämonentransvestiten, die uns in rollenspiel-typischer Zufallskampfmanier das Leben schwer und die reinen Herzen abspenstig machen wollen. Allen anderen muss ich leider sagen: Vergesst, was ich gerade gesagt habe, und vergesst am Besten auch gleich dieses Spiel.
Ja, vergesst es. Denn selbst wenn ihr glaubt, beim Spielen von RPGs auf eine gute Story verzichten zu können: Dieses Spiel hat mit seinem katastrophalen Gameplay selbst mich kleingekriegt. »Sailor Moon: Another Story« ist schlampig programmiert, Punkt. Erstens. Es ist unfassbar leicht. Spaßlos leicht. Geschätzte 70% der Bosskämpfe benötigen nur einen einzigen physischen Angriff, um sie zu beenden. Die Bosse werden so gesehen gar nicht bekämpft, sondern schlicht dahin gemetzelt. Dass das für wirklich jeden Zufallskampf (alle fünf Schritte....) ebenso gilt, lässt sich, glaube ich, von selbst herleiten.
Zweitens. Es ist unfassbar schwer. Unmöglich schwer sogar. »Another Story« ist in Kapitel unterteilt und zu Beginn eines solchen gilt für unsere Sailorkrieger exakt das Selbe wie für die eben genannten Gegner. Wir sind Kanonenfutter. Jeder noch so lächerliche Zufallskampf wird uns - bevor wir überhaupt reagieren können - mit einem einzigen Schlag ein Vielfaches dessen abziehen, was unsere HP quantitativ herzugeben haben. In der Regel steckt man daher fest und kann das Spiel nur von vorn beginnen. Ob ich mir da nicht selbst widerspräche, werdet ihr fragen. Ich wünschte es wäre so! Folgendes Beispiel: Ihr beginnt ein Szenario des zweiten Kapitels in der Haut von Sailor Mars und seid völlig auf euch allein gestellt. Weil das Gameplay wie erwähnt eine Katastrophe ist, wendet ihr folgende Strategie an: Ziel ist, die nächste Stadt und damit den Händler zu erreichen, der euch schützende Ausrüstung verkaufen könnte. Auf dem Weg dorthin flieht ihr aus allen Zufallskämpfen. Scheitert das, ladet ihr neu. Habt ihr es irgendwann in die Stadt (und somit zu etwas Equipment) geschafft, versucht ihr aufzuleveln. Dazu genügen zu Anfang im Prinzip vier bis fünf Kämpfe. Ihr werdet dann summa summarum mit drei Punkten für euren Stärkewert und vielleicht zwei Punkten für eure Verteidigung belohnt. Das ist völlig ausreichend für einen Schadensunterschied von mehreren Hundert HP und macht euch für den Rest des Kapitels absolut unverwundbar. Die letzen Endgegner des Spieles sind dafür aber auch praktisch unschlagbar, ganz gleich wie viel man leveln mag. Mein Team ist im Mittel auf Level 75, ich brauche sechs bis acht Stunden für ein Level-Up und bin nicht im Ansatz einem Zustand nahe, dass ich auch nur die erste Runde gegen Apsu überleben könnte. Es ist mir NICHT gelungen, dieses Spiel durchzuspielen, im Ernst. Das ist alles ein *ganz ganz bisschen* überspitzt dargestellt, trifft es aber im Kern völlig auf den Punkt. Zum Kotzen.
Drittens. Es gibt KEINE Charakterentwicklung. Zugegeben: Sailor Merkur erhält beim Level-Up tendenziell mehr Verteidigung, Uranus eher mehr Angriff. Das war es aber dann auch schon. Sailor Saturn hat eine (1) Spezialfähigkeit, Jupiter hat vier (4). Die anderen Senshi pendeln irgendwo dazwischen und diese Techniken kennen unsere Damen von Anfang des Spiels an. Sie lernen auch keine mehr hinzu. Gar keine. Brauchen sie genau genommen auch nicht, wenn ein Fingerzeig von ihnen 800 HP abzieht, und der Boss bloß 250 davon hat. Es tut mir Leid, aber das Gameplay ist ein Skandal. Dergleichen ist mir in meiner Videospielkarriere noch nicht begegnet und wird es wohl auch nie wieder.
Wenn euch das alles noch nicht abgeschreckt hat, kann ich euch noch ein eher unerwartetes Problem servieren. »Sailor Moon: Another Story« hat fast nur Schund als Soundtrack mitbekommen. Das geilste ist wohl noch die Sprachausgabe. (Ja, es gibt eine!). Es ist immer wieder amüsant zuzuhören, wenn japanische Mädchen sich an der englischen Sprache versuchen. Für dieses Rollenspiel konnten die Entwickler sogar die Synchronsprecher der Anime-Serie verpflichten und so brüllt die damenhafte Clique um Usagi Tsukino ihren Gegnern auch hier mit ihrem unverwechselbaren Akzent Attacken wie "woruldu shaiggin" ("World Shaking") und "Karraesante Baeamu" ("Crescent Beam") entgegen. Das ist leider auch schon das einzig offizielle, das uns »another Story« zu bieten hat. Die Musik imitiert ihre TV-Gegenstücke bestenfalls, von der blechern-repetierenden Kampf"fanfare" über das peinlich kraftlose Bosstheme hin zum kitschigen Titellied-Gedudel. Es scheint beinahe, als wäre man im Hause Angel Studios so verärgert darüber gewesen, die offiziellen Stücke nicht nutzen zu dürfen, dass man sich einfach direkt beim Spieler ausgekotzt hat. Sehr sehr mangelhaft und mir geht's auf die Nerven.
Nutzt an diesem Punkt zwar eh nichts mehr, aber die Grafik ist eigentlich ganz wunderbar! Das einzige, was mich davon abhält, hier zehn Punkte zu vergeben, sind vielleicht die körnigen Charaktersprites, oder die Tatsache, dass »Sailor Moon: Another Story« den Next-Gen Standards nicht genügen könnte. Die Graphik bringt das Wesen von Sailor Moon einfach richtig gut rüber: Wer die TV-Folgen kennt, wird sich sofort in diesem Spiel wieder finden, in seinen Schlüsselschauplätzen wie dem Silbermillennium, Rei‘s Hirakawa Schrein, Rubeus' Raumschiff oder gar in Usagis Haus. Selbst die Gegner entsprechen getreu den Animevorbildern, Kampfbildschirm und Attacken der Sailor Senshis sowie der Bossgegner sind komplex und detailliert ausgestaltet. Bedeutsame Charaktere bekommen ihre Textboxen hübsch mit einem Avatar verziehrt. Schlussendlich weiß ich im Großen und Ganzen wirklich nicht, worauf ich in Punkto Grafik hier noch schimpfen sollte. Was für eine Verschwendung, so eine Optik für so ein verkorkstes Spiel... Irgendwie richtig richtig tragisch.