Geschrieben von: Moi-Même · 13. September 2012 · Kategorie: RPG

Scoreboard Gokinjo Boukentai ChronoMoogleGokinjo Boukentai.001 sEs gibt solche Rollenspiele, die glänzen mit einer epischen Geschichte… Oder ihrem ausgeklügelten Spielsystem… Oder eben durch eine interessante Genre-Mischung. Das heute rezensierte »Gokinjo Boukentai« dürfte wohl ehestens noch in letztere Kategorie fallen - vor allem ist es aber genau das, was man sich auch über »EarthBound« erzählt: Ein ungewöhnliches Rollenspiel mit viiiel Charme. Anders als EarthBound bekam Gokinjo Boukentai jedoch niemals ein westliches Release spendiert, so dass es dementsprechend kaum einer aus der Szene diesseits der großen Sprachbarriere kennt.

Bis dato gibt es noch nicht einmal eine Fanübersetzung. In Japan hingegen hat das Spiel laut Hörensagen eine beträchtliche Fanbase. Gokinjo Boukentai wird unter Sammlern zu ziemlich hohen Preisen gehandelt (zumindest für Rollenspielverhältnisse), was wohl bloß sekundär an seiner Seltenheit liegt. Machen wir jetzt also Nägel mit Köpfchen und schauen uns den Titel mal genauer an. Ihr werdet sicherlich schnell merken, dass es sich hier um alles andere als ein Rollenspiel von der Stange handelt. Zunächst - worum dreht sich eigentlich die Story!?

Gokinjo Boukentai.004 sDer Protagonist in Gokinjo Boukentai ist das gewöhnliche Mädchen Mana, welches gerade erst in eine neue Kleinstadt gezogen ist und noch in den Kindergarten geht. Gut, ganz gewöhnlich ist sie natürlich nicht: sie kann Geister sehen und mit ihnen kommunizieren! Von Erwachsenen wird ihr infolgedessen oft nachgesagt, bisweilen Selbstgespräche zu führen oder grundlos davon zu laufen. In Wahrheit sind natürlich aber, wann immer in ihrer Nachbarschaft schlimme oder eigenartige Dinge passieren, böse Geister involviert, die allein von Mana und ihren Gefährten gefunden und bekämpft werden können. Aber auch gute Geister gibt es - und diese helfen Mana bei ihren Aufgaben. Bitte jetzt nicht an »The Sixth Sense« denken, das Setting des Spiels ist sehr fröhlich. Die Nachbarschafts-Abenteuergruppe ist jedenfalls schnell gegründet und schlägt sich in der japanischen Stadt von Quest zu Quest. Die zickige Antagonistin Nanako stört außerdem gerne mal mit ihren Kampfrobotern, oder hetzt ihre verliebten Handlanger auf die Clique. Klingt völlig schräg? Ist es auch. Vor allem dreht sich die Story aber um die Freundschaft zwischen den Figuren, vermittelt also wichtige Werte an die jüngere Spielergeneration.

Gokinjo Boukentai.008 sDas Spiel ist episodenhaft aufgebaut: Das typische RPG-Gameplay findet immer nur am Wochenende statt; hierbei gilt es irgendeine Quest zu lösen. Ist der Endgegner besiegt oder die Aufgabe abgehakt, so wird die Truppe von Manas besorgter Mutter eingesackt und der Tag endet. Die restlichen Tage der Woche spielen sich in einem bunten Menü ab, welches die Zeit im Kindergarten darstellt. Hier lernen die Charaktere neue Fertigkeiten oder bessern ihre Stats auf. Gokinjo Boukentai hat kein allgemeines Level und keine Erfahrungspunkte, Statuswerte müssen separat erhöht werden, was für ein RPG eher unüblich ist. Auch ansonsten hebt sich das Spiel von der Genre-Masse ab: Zauber werden, anstatt mit Magiepunkten, mit den Lebenspunkten gewirkt. Eine weitere Eigenart wäre Manas Katze, die zwar ein vollwertiges Gruppenmitglied ist, aber im wahrsten Wortsinne frei Schnauze agiert. Sie läuft gerne mal davon (besonders während der Kämpfe) und kommt mit Items oder Geld zurück. Nach jedem Kampf werden übrigens alle Charaktere wieder völlig geheilt. Verliert man, so gibt es außerdem nie ein Game Over, man darf stattdessen seine Stats ein bisschen aufbessern und es einfach nochmal versuchen.

Gokinjo Boukentai.002 sMan könnte jetzt ahnen, dass das Spiel extrem linear und einfach ist. Zumindest Zweiteres stimmt, es ist fast schon ZU einfach. Linear ist das Spiel aber definitiv nicht! Die Spielwelt von Gokinjo Boukentai ist groß und voller schräger Charaktere und herrlichem Humor. Wer sich die Zeit nimmt, an jedem Tag die Stadt zu durchsuchen und mit NPCs zu labern, kann viele Geheimnisse entdecken. Die öffentlichen Einrichtungen, Straßen und Häuser strotzen nur so vor kleinen Details. Sei es nun ein Super Nintendo, der neben dem Fernseher steht oder die Überwachungskamera im Kaufhaus, genauer hinsehen macht hier richtig Spaß. Wer also stumpf die Hauptquest abklappert, ist wirklich selber schuld - die Stadt hat endlos viel zu bieten. Alle typischen Merkmale einer japanischen Stadt sind da, vom Combinimarkt bis zum Tempel. Auch gibt's keine platten NPCs, hier hat jeder Charakter eine dicke Portion Persönlichkeit spendiert bekommen. Gokinjo Boukentai lässt uns die Welt wirklich „mit Kinderaugen sehen“, denn so wie für Mana die Stadt vollkommen neu ist, muss auch der Spieler alles von Grund auf erforschen und entdecken. Selbst wenn man alle Orte und Charaktere kennt, ändern sich die Dinge mit jedem Tag.

Gokinjo Boukentai.007 sDas Spiel hat auch ein paar Adventure-Elemente zu bieten - so wie es sich für ein gutes Japano-RPG gehört. So haben manche Charaktere besondere Fertigkeiten, wenn sie als Gruppenführer eingesetzt werden. Mana kann die Gruppe zum Beispiel zum Rennen bringen und ihre Freundin Doctor hat einen nützlichen Enterhaken. Ein paar Rätsel gibt es dann und wann auch zu lösen. Negativ fällt allerdings ins Auge, dass viele Dungeons im Spiel deutlich zu kurz und zu simpel geraten sind. Nennenswert ist darüber hinaus auch noch der Wiederspielwert von Gokinjo Boukentai, denn je nachdem, mit welchen Charakteren man sich angefreundet hat oder wie sich bis zu gewissen Deadlines die Charakterstats entwickelt haben, verändern sich der Spielverlauf sowie die täglichen Quests etwas. Nach den Credits wird dem Spieler angezeigt, welche Quests er absolviert hat und welche fehlen. Der „V-MAX Modus“ (vergleichbar mit einem Game+ in Chrono Trigger) wird freigeschaltet und man kann versuchen, seine Liste zu komplettieren und alle Storyzweige zu erleben. Zu der Sprachbarriere sei im Übrigen gesagt, dass sie immens ist. Ein tauglicher FAQ oder Japanischkenntnisse sind zum Zocken definitiv vonnöten.

Gokinjo Boukentai.010 sTechnisch hervorzuheben ist wohl insbesondere der Soundtrack dieses Spiels, der mit seinen schönen Kompositionen und Ohrwurm-Melodien jeden SPC-Fan zum Jauchzen bringt. Von traurigeren Melodien bis zum mitreißenden Battletheme - so gut wie jeder Track sitzt und die hohe Anzahl unterschiedlicher Musikstücke kann sich auch hören lassen. Der Komponist kriegt einen Orden von mir! Nein, im Ernst, die Musik ist einfach extrem gut. Da könnten sich selbst ernsthaftere Genreverwandte mal ein Beispiel dran nehmen. Die Grafik hingegen stößt eher auf gemischte Gefühle. Der Stil erinnert ein bisschen an das bereits genannte EarthBound mit seinen vielen kleinen Details und der ansonsten eher simpel und sehr bunt gehaltenen Optik. Die Kämpfe haben leider kaum nennenswerte Animationen, dafür hat das Spiel aber eine riesige Anzahl Charakterportraits im Repertoire - deutlich mehr als es seinerzeit für ein RPG typisch war. Die Kartenabschnitte sind teilweise ziemlich groß und wie schon gesagt mit viel Liebe zum Detail gestaltet. Befinden sich aber zu viele NPCs auf dem Bildschirm, kommt es zu Slowdowns. Ich würde das Spiel in Sachen Grafik also zusammenfassend als „gehobene Mittelklasse“ einstufen.

Fazit des Autors - ChronoMoogleMan nehme ein paar Simulations-Elemente und Adventure-Features, vermische sie mit einem typischen Rollenspiel wie man es zuhauf auf dem SNES findet, würze das Ganze dann noch mit einer ordentlichen Prise Humor und fertig ist Gokinjo Boukentai. Der einfache Schwierigkeitsgrad und das kindliche Setting werden sicher nicht jedem auf Anhieb schmecken, wer aber diesen liebevollen und einzigartigen Titel mit seiner ausgeklügelten Spielwelt aufgrund solcher Banalitäten verschmäht, der sollte sich wirklich dafür schämen. Was für ein tolles Spiel! Ich versuch mich jetzt an dem V-MAX Modus.