Geschrieben von: Moi-Même · 04. Juli 2012 · Kategorie: RPG

Scoreboard ShinMegamiTensei MoiShinMegamiTensei.002  sNa? Hier gehts um »Shin Megami Tensei«. Einmal nach rechts glubschen bitteschön. Dankesehr. Ja, da steht eine acht, absolut richtig. Und jetzt bitte gut aufpassen: Dieses Spiel ist scheiße!! In echt. Oh Gott, es ist so unerträglich scheiße, ich kriege schon vom Schreiben dieser Zeilen Aggressionen! Wirklich!!! Ihr solltet nicht weiterlesen. Lest nicht weiter. Nicht weiterlesen! KUSCH KUSCH!! Dieses Review ist gefährlich!! Wer Shin Megami Tensei in die Falle tappt, der hat wahrscheinlich die achtzig schlimmsten Stunden seines Lebens vor sich. Ihr wurdet gewarnt, also gebt mir bloß keine Schuld!

Brrrrrrrr. Blutige Morde, schwarze Messen, religiöser Fanatismus, Terror, Titten und Tentakel. Ähm… die Hölle auf Erden, und zwar nicht bloß sprichwörtlich. Mit morbidem Eifer wühlen die Entwickler von Atlus im Dreck katholischer sowie jüdischer Glaubensdoktrin und erlauben sich dabei zweifellos die eine oder andere Geschmacklosigkeit… Unnötig zu erwähnen, dass Shin Megami Tensei außerhalb Japans niemals veröffentlicht wurde. Wer es wider meiner Warnung ausprobieren möchte, der suche in den Untiefen des Internets nach einer Fanübersetzung.

ShinMegamiTensei.015  sNa, ihr lest ja immer noch! …Verblüffend, oder? Ich brauche lediglich „Titten“ zu tippseln, schon passt die Leserschaft auf. Die perfekte Gelegenheit, um eine kleine Geschichtsstunde einzuschieben! Höhö. Ja, zugegeben - ich schreibe schon wieder über eine dieser furchtbar angestaubten RPG-Mumien, die eh kein Mensch spielen will. Nichtsdestotrotz ist Shin Megami Tensei weitaus mehr als bloß irgendein RPG. Ihr müsst nämlich wissen, dieser bitgewordene Moral- und Anstandsausfall von 1992 stellt den Beginn der (wie mir scheint) regelrecht sektenhaft vergötterten „MegaTen“-Reihe unter Atlus' Flagge dar. Die Ausmaße dieser Serie sind mittlerweile kaum mehr überblickbar: Ob „Devil Summoner“ (Sega Saturn; PSP), „Last Bible“ (Gameboy, SFC) oder die aktuelleren „Persona“-Spiele (PlayStation; PS2), überall steht Shin Megami Tensei drauf oder drunter, und das waren bloß die Bekannteren. Kurzum: Wir haben es hier mit einer der allerwichtigsten und erfolgreichsten Rollenspielserien der Welt zu tun! Ein Review über Shin Megami Tensei *darf* daher folgerichtig schon aus Gründen des Respekts nichts Geringeres sein als eine fanatische Laudatio!!! Wunderbar, Haken dran - soviel zur Fan-Melodramatik.

ShinMegamiTensei.170  sMüsste ich es hingegen objektiv betrachten, so würde ich vermutlich feststellen: Shin Megami Tensei ist von allem, was wir im Westen so ganz und gar nicht schätzen, zu viel. Beispielsweise Lawinen von Sabbelboxen in einer Unmenge, dass man (gefühlt) hundert Text-Adventures daraus stricken könnte. Unbegreiflich erscheint das verworrene Geflecht von Werten, Zählern und Statistiken, mit denen Shin Megami Tensei jongliert; teils illustrativ im Interface, teils tief vergraben in seinen Bitgedärmen. Nicht zu vergessen die klassischste aller klassischen „Japano-Nervenfoltern“, der oft verhasste Zufallskampf, dessen massenhaftes Auftauchen uns in diesem Fall mit viel zu regelmäßiger Häufigkeit quält, als dass man noch von „Zufall“ sprechen könnte. Ich will gar nicht näher ins Detail gehen. Shin Megami Tensei ist ein unkomfortabler, bockschwerer, irrsinnig komplizierter Dungeoncrawler von epischster Breite. Ein absolutes Übermaß von Obligationen einer Rollenspielgattung, die unsereins so manches mal irritiert fragen lässt, für wen dieses Spiel überhaupt programmiert wurde. Die Antwort ist so naheliegend wie die Irritation: Für uns - die PAL-Pfeifen europäischer „Secret-Of-Mana-Prägung“ - mit Sicherheit nicht.

ShinMegamiTensei.013  sAußer, ihr gehört zu diesen schrulligen Hardcore-Rollenspielern. In diesem Fall stehen die Chancen gar nicht schlecht, dass ihr mit Shin Megami Tensei das Videospiel eures Lebens gefunden haben könntet. Dieses Spiel ist erbarmungslos. Es durchspielen zu wollen grenzt an Wahnsinn. Kein einziger Ort ist in Shin Megami Tensei sicher: Das endzeitliche Tokio, durch das der Held und seine Begleiter streifen, ist zum Schauplatz der finalen Schlacht zwischen Gut und Böse geworden. Wenn der namenlose Held die Trümmer seines Elternhauses verlässt, sich durch die vollends zerstörten Bezirke Shibuya, Shinagawa und Roppongi schlägt und schließlich vor den gespenstischen Ruinen eines Wolkenkratzers haltmacht, dann erwartet uns gewöhnlich ein albtraumhafter 6-Stunden-Trip durch einen der 23 Mega-Dungeons, in denen es zumeist keinerlei Heil- oder Speichermöglichkeiten gibt. Shin Megami Tensei ist doppelt so altbacken wie »Dragon Quest«, drei mal so lang wie ein »Final Fantasy« und brutaler als alles was ihr je gespielt habt! Stellt euch vor, ihr müsstet »Breath Of Fire 1« durchspielen ohne dabei zu speichern, dann kriegt ihr ne Idee von Shin Megami Tenseis letztem Dungeon. Ich übertreibe höchstens minimal.

ShinMegamiTensei.027  sNur leider spricht alles bisher Gesagte absolut nicht für Shin Megami Tensei. Wenn ihr »Mystic Quest« für gelungen haltet, »Lufia« für ausgezeichnet und »Chrono Trigger« für das „Maß aller Dinge“, dann lebt ihr mit einer Vorstellung vom Rollenspiel-Genre die mit Shin Megami Tensei fast nichts zu tun hat. Schaut euch allein mal diese Optik an. First Person, quasi ununterbrochen. Man weiß gar nicht wie der Hauptcharakter aussieht, weil im Spiel nicht mal ein Sprite für ihn existiert. 98% der Spielzeit irrt man also durch dieses chronisch leere, immer gleiche Texturen-Labyrinth, mal mit brauen Wänden, mal mit pinken, verläuft sich hoffnungslos und versucht dabei verzweifelt, den nicht enden wollenden Ansturm jener Scheusale abzuwehren, deren starre Standbildportraits euch Effekt- und Animationsfrei (jedoch ersatzweise mit noch mehr Textboxen!) die HP zertrampeln bis ihr tot seid. …Spielerisch und nervlich. Denn das schlimme an Shin Megami Tensei ist nicht, dass es so übemäßig schwierig ist. Schlimm sind die vielen, vielen Stunden in denen nichts passiert, keine Story, kein Fortschritt - bloß leere, hässliche, langweilige Gänge. Immer diese furchtbaren Gänge! ARRRGH!!! Selbst 1992 eine grafische Todgeburt.

ShinMegamiTensei.292  sZeitweise allerdings - trotz aller Orientierungslosigkeit und Schinderei, Eintönigkeit und Monotonie - ist das Spiel so gut, dass man sich fragt, ob Spielfluss und Grafik womöglich überbewertet werden. Es ist schon ein ziemlich bizarres Gefühl, zu psychedelischer Cyberpunk-Musik durch ein atomar verwüstetes Tokio zu streifen; ein Tokio in dem man Feen begegnen kann. Und Zombies! Ein Tokio, wo Erzengel im Bondage-Fummel gemeinsam mit grünen Penismonstern den Tag des jüngsten Gerichts feiern. Es ist ein Tokio in dem „JHWH“, Gott Abrahams und Israels, als Nemesis der Menschheit, und Luzifer, gestylt wie ein durchgeknallter Transvestit zur Karnevallsaison, als anarchistischer Freiheitskämpfer inszeniert werden. Doch trotz aller Absurdität (…anders kann man diesen „Mindfuck“ einfach nicht beschreiben) gelingt es Atlus, eine erschütternd glaubhafte, düstere, ja - gar gruselige Atmosphäre zu konstruieren. Im Prinzip spielt sich Shin Megami Tensei komplett im Kopf ab. Man müsste sich halt darauf einlassen, und auch deshalb ist dieses Spiel ein Nischentitel. Denn was für den RPG-Kenner ein genussvoller Trip in die eigene Fantasie ist, das halten manch andere Leute eben für spielerische, gepflegte Langeweile.

ShinMegamiTensei.049  s…Ich vergleiche Shin Megami Tensei gern mit »Pokémon«: Ganze 255 verschiedene Dämonen-Spezies hat Atlus aus einer Paralleldimension namens „Makai“ heraufbeschworen - also beinahe drei mal mehr Gegnertypen als in »Secret of Mana« und fast genauso viel wie in »Final Fantasy 6«, genauer doppelt so viele, rechnet man dessen zahllose Farbklone nicht mit ein. Es sind weiß Gott vielschichtige Wesen, diese Dämonen. Jeder Einzelne hat eine Gesinnung und einen Charakter. Studiert sie aufmerksam! Ihr werdet sie brauchen, denn in Shin Megami Tensei steht der Protagonist so manchmal völlig alleine da. Was werdet ihr tun, wenn treue Mitstreiter euch verraten, eure Seelenverwandte spurlos verschwindet oder irgendeine wildgewordene Bestie euren armen Schäferhund abmurkst - NACHDEM ihr ihn bereits schweren Herzens in einen monströsen Cerberus vewandelt habt?!? Es kommt einfach dieser Punkt in Shin Megami Tensei, an dem beharrliches Aufleveln schlicht nicht mehr ausreicht. Dann werdet ihr die Waffen niederwerfen, verhandeln und euch mit jenen Scheusalen verbünden die versucht haben, eure Gedärme dem Teufel zu opfern. Notfalls auch dann, wenn's ein grünes, schleimiges Penismonster ist…

ShinMegamiTensei.023  sEs ist jedes mal aufs Neue eine prekäre Angelegenheit, sich mit Dämonen einzulassen. Spannend ist's aber immer. Theoretisch lässt sich fast jeder Zufallskampf diplomatisch vermeiden. Wie aussichtsreich das im Einzelfall ist, hängt jedoch von der Intelligenz und vom Glück des Helden ab, sowie von der Art des Gegenübers. Dazu muss man wissen, dass der Begriff „Dämon“ in Shin Megami Tensei neutralerer Natur ist als üblicherweise gewohnt. Nicht nur perverse Monstrositäten japanischer Hentai-Stilrichtung fallen darunter; auch klassischere Entitäten wie Geister, Elfen, Drachen und Götter gehören dazu. Mit Dämonen zu feilschen ist aber nicht nur eine Überlebensstrategie. Der primäre Zweck dieses Features ist das Aufstellen einer gewaltigen Dämonen-Armee. Bei Bedarf könnt ihr eure Lakaien beschwören, um sie als vollwertige Gruppenmitglieder an eurer Seite kämpfen zu lassen. Naja - sagen wir „beinahe vollwertig“: Anders als Hauptcharaktere sammeln Dämonen keine Erfahrungspunkte, daher muss man sie permanent zu neuen, mächtigeren Kreaturen fusionieren (übrigens die einzige Möglichkeit, an ein Penismonster zu kommen). Dämonenzucht - wie befremdlich, doch der Held betreibt sie mit Hingabe.

ShinMegamiTensei.201  s…Und streng genommen steht Widerstand gegen die Dämoneninvasion ja sowieso von Spielbeginn an nicht mehr zur Debatte. Die Welt ist bereits untergegangen - fraglich ist lediglich, ob der kümmerliche Rest Menschheit in der Postapokalypse noch einen Platz hat. Ordnung und Sicherheit prophezeien die Anhänger der „Kirche des Messias“ - etwas, woran JHWH höchstpersönlich ein ideologisches Interesse hegt, und mit dessen gewaltsamer Durchsetzung die himmlischen Heerscharen betraut sind. Halleluja! Satans Alternative ist ein erbarmungsloses Wirrwarr, in dem die Starken überleben und die Schwachen gefressen werden. Wenn die Zivilisation nicht übersteht, ist das ja wohl bitteschön nicht sein Problem, und überhaupt gefallen ihm und seiner Gothicsekte, dem „Gaia-Kult“, grüne, schleimige Penismonster viel besser (Anmerkung an meine Krankenkasse: Ich brauche diese Therapie wirklich ganz dringend!!) Beide Fraktionen werden den Spieler auffordern, sich ihrer jeweiligen Sache anzuschließen, aber beide Lösungswege führen am Ende zu … ähh, „diskutablen“ Szenarien, und der neutrale Weg ist sogar der blutigste. Ob der richtige auf der Bühne steht wenn der Vorhang fällt, ist bis zuletzt Auslegungssache.

Fazit des Autors - Moi-MêmeIn der langen Tradition der Atlus-RPGs hat Shin Megami Tensei die hohe Ehre das wichtigste von allen zu sein, auch wenn es offenkundig nicht das spaßigste ist. Ein harter Brocken selbst für absolute Hardcore-Rollenspieler, ja, aber dank seiner unvergleichlich atmosphärischen Story ist Shin Megami Tensei auch ein wenig mehr als nur ein Spiel: Es ist ein künstlerischer Abgesang - auf den Menschen, seine Götter und alle seine Werte. Die Reise, die der Spieler hier antritt, beschäftigt sich mit der Frage nach Gott und seiner Gerechtigkeit. Eine perverse, moralisch mehr als nur ambivalent inszenierte Sinnsuche die schließlich in der Erkenntnis endet, dass da niemals so etwas wie ein Sinn gewesen ist. Man muss diese hintersinnige Bit-Psychose bis zur allerletzten Pointe durchspielen um zu begreifen, dass man eine Geschichte über die Menschheit erzählt bekommen hat: Ätzend karrikierend, trivial und krass in ihren Ausdrucksmitteln, aber insgesamt in ihrer Gesellschaftskritik zutreffend…