
Zwei Uhr nachts in meinem stockdunklen Zimmer. Schon seit Stunden hänge ich vor der Konsole. Seit einer gefühlten Ewigkeit versuche ich irgendwie Dracula den Gar aus zu machen. Vergeblich. Nächster Versuch. Ich springe, schlage zu, springe weiter auf die nächste Plattform. Trotzdem trifft mich sein Feuerball. Der typische Castlevania-Rückstoß besiegelt mein Ende. Game Over. Entnervt ziehe ich den Stecker. Das Fernsehlicht geht ruckartig aus. „Irgendwann werd ich den Endboss schaffen“, schwöre ich mir. Ich schwöre es mir schon seit Tagen...
Nein, Vampire's Kiss ist kein Spiel für geduldlose Menschen. Und um es vorweg zu sagen, es ist auch nicht so gut wie sein Vorgänger. Dabei hat das Spiel alles, was die Serie ausmacht. Einen starken Soundtrack, knackig schwere Endbosse, ein detailliertes Grafikdesign und doch fehlt ihm das gewisse Etwas. Die Story ist dabei serientypisch einfach gehalten. Der Blutsauger Dracula wurde von einem dunklen Kult wiedererweckt um Angst und Schrecken zu verbreiten. Klar, dass ein Belmont bereit steht, um ihm mit seiner Peitsche Einhalt zu gewähren. Mit Richter Belmont zieht ihr also los, um Dracula endgültig zu besiegen.
Im Vergleich zu seinem Vorgänger wirkt Vampire's Kiss altbacken. Die Steuerung ist ein Rückfall in die NES-Zeiten. Im Vergleich zu Simon Belmont aus Super Castlevania IV hat Spielheld Richter an Fähigkeiten eingebüßt. Während man im Vorgänger seine Peitsche in acht verschiedene Richtungen schwingen konnte, kann man in Vampires Kiss nur stur geradeaus peitschen. Auch aufleveln lässt sich die "Sacred Whip" nicht mehr. Einige neue Tricks hat Richter aber trotzdem gelernt. Mit dem so genannten Weaponcrash kann er eine besonders starke Attacke mit seinen Sekundärwaffen, zum Beispiel Axt, Messer oder Weihwasser, ausführen. Vor allem bei den schweren Bosskämpfen ist das hilfreich. Neu ist auch der Rückwärtssalto. Drückt man die Sprungtaste zwei mal hintereinander, macht Richter einen gekonnten Sprung nach hinten. Das nutzt zwar meist nichts, sieht aber gut aus. Trotz der positiven Neuerungen in Sachen Steuerungen überwiegen die Nachteile. Die Mischung aus Richters langsamer Bewegungsgeschwindigkeit und sein eingeschränkten Fähigkeiten mit der Peitsche wirken zwangsweise wie ein Rückschritt in vergessen geglaubte Zeiten.
Immerhin die Grafik kann sich sehen lassen. Richter läuft und springt durch sieben farbenfrohe und abwechslungsreiche Stages. Egal ob er die äußeren Mauern von Draculas Schloss erklimmt oder die skelettverseuchten Höhlen unter dem Gemäuer erforscht, die dem Animestil angelehnten Grafiken sehen einfach schick aus. Vor allem das erste Level wirkt mit seinen wabernden Feuereffekten eindrucksvoll. In den folgenden Levels baut die Grafik zwar etwas ab, bleibt aber auf hohem Niveau. Die Levels sind dabei größtenteils linear aufgebaut. Verschiedene Wege wie zum Beispiel in Castlevania III gibt es nicht. Dafür verändert sich der Spielverlauf, je nach dem ob ihr es schafft, zwei gewisse entführtee Damen zu retten. Rettet ihr Anette Renard, Richters Freundin, steht ihr bei einem folgenden Bosskampf dem Tod höchstpersönlich gegenüber. Findet ihr Anette nicht, so muss Richter zusehen wie seine Freundin von einem überdimensionierten Totenschädel getötet wird. Weniger Auswirkungen hat es, wenn ihr Maria Renard, Anettes Schwester, aus den Katakomben rettet. Sie taucht dann lediglich im Abspannbild auf, eine Funktion hat sie nicht.
Die besagten Rückschritte rühren vor allem aus der Herkunft des Spiels. Vampire's Kiss ist eine Mischung aus Remake und Portierung des PC-Engine Spiels Castlevania – Rondo of Blood, das 1993 in Japan erschien. Die Geschichte, die Gegner und die Musik der SNES-Version stammen zum Großteil aus Rondo of Blood, während Konami die Levels grafisch komplett überarbeitete und neu designte. Leider wurden dabei viele beliebte Elemente aus Rondo of Blood nicht übernommen. Im Gegensatz zu Vampire's Kiss war Rondo of Blood nicht linear aufgebaut. Es gab mehrere verschiedene Wege das Spiel zu beenden. Maria spielte im Verlauf des Spiels als zusätzlich freischaltbare Spielfigur eine wichtige Rolle. Das auf CD erschienene Rondo of Blood konnte zudem noch mit einem (auf deutsch) gesprochenem Intro und gezeichneten Zwischensequenzen aufwarten. Will man Vampire's Kiss trotz der Mängel in seiner Sammlung wissen, sollte man sich überlegen, die japanische Version zu kaufen. In Europa und den USA erschien Vampire's Kiss nur in sehr geringer Stückzahl. Komplette (Pal-) Exemplare werden zum Teil sogar schon für über 400 Euro gehandelt.
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